Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Festgäste erinnerten an Gründungsgeschichte

"Ich habe nicht gewusst, dass mein großer Gegenstand nach so vielen Probelandungen in den hessischen Wäldern ankommen würde", sagte der emeritierte Professor Andrzej Wirth mit leiser Ironie vor einer großen Zahl von Kollegen und ehemaligen Schülern bei einer Jubiläumsveranstaltung der Angewandten Theaterwissenschaften. Wirth hatte zuvor über seine eigene Laufbahn und die Gründungsjahre des Instituts referiert, das im Wintersemester 1982/83 seinen Betrieb aufnahm. Den großen Gegenstand, von dem dabei die Rede ist, hatte der in Polen geborene, von 1982 bis 1992 in Gießen lehrende US-Bürger, der heute in Berlin lebt, vorher so beschrieben: "Ich wollte wissen, was sich hinter den Wundern des Theaters verbirgt." Vom Theater in Lodz über die Begegnung mit Jerzy Grotowski ("Das Arme Theater") in Opole über das Berliner Ensemble mit Helene Weigel und viele Stationen als akademischer Lehrer in Übersee führte die theatrale Gralssuche Wirths über den halben Erdball, ehe er in Gießen fündig wurde. Wie es dazu kam, dass Wirth hier als zentrale Figur einer Erneuerung der Theaterwissenschaft und -kultur wirken konnte, beschrieb der Anglist Herbert Grabes in seinem Rückblick auf die Geschichte des Instituts. Auf seine Initiative, die in intensiven Gesprächen mit seinem Kollegen Armin Geraths über den Zustand der Theaterwissenschaften in Deutschland geformt wurde, geht nämlich die Gründung der Angewandten Theaterwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität zurück. Nach dem Vorbild englischer und amerikanischer "Drama Departments" strebten sie eine Verbindung von Theorie und Praxis für die universitäre Auseinandersetzung mit dem Theater an. Viele mussten mitwirken und vieles musste von da an noch geschehen bis "das Unmögliche möglich wurde" und somit der Studiengang zur Realität. Als "einen der nicht allzu häufigen Momente höherer Weisheit in Wiesbaden" bezeichnete es Grabes gar, als auch die von ihm in die Wege geleitete präferierte Berufung Wirths als Gründungsdirektor gelang. Aus Sicht der Studierenden, die nach einer strengen Auswahl in Form einer Aufnahmeprüfung an das neu gegründete Institut kamen, schilderte der heutige Schauspieldirektor des Gießener Stadttheaters, Martin Apelt, die Zeit der Gründungsjahre und insbesondere die Begegnungen mit Gastprofessoren, die einen wesentlichen Bestandteil des Profils dieses Studiums ausmachen. Durchaus amüsiert nahm das Publikum dabei zur Kenntnis, dass heute so etablierte Protagonisten einer "postdramatischen" Theateravantgarde wie Hans-Werner Kroesinger damals in einer unter Adolf Dresen erarbeiteten Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in der Rolle des Oberst Kottwitz reüssierte. In den Kelch der Freude über das Gelingen der Gründung der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen und ihr überaus erfolgreiche Wirken seither musste Universitätspräsident Professor Dr. Stefan Hormuth indessen einen Tropfen Wermuts giessen, als er in seinem Grußwort einen "peinlichen Moment" bekannte: An Stelle eines Geburtstagsgeschenks, musste er einräumen, dass die am Institut sehnlich erwartete Einrichtung einer neuen Probebühne wegen Geldmangels noch nicht erfolgen kann. Die Professoren Helga Finter und Heiner Goebbels, die heute die Geschicke des Instituts lenken, nahmen in ihren Redebeiträgen Bezug auf die aktuelle Situation von Forschung und Lehre, wobei Goebbels einen schönen Bogen zum Namensgeber der Universität schlug, dessen Geburtstag sich in diesem Mai zum 200. Mal jährt. Auch Justus von Liebig, der in Gießen sein mustergültigen chemisches Labor begründete, hatte sich über einen kostenbedingten "Verzug in Bausachen" bitter beklagt. Über die Verkreuzung zwischen Medien und Theater sprach Georg Christoph Tholen aus Basel in seinem anspruchsvollen Festvortrag, während der Gießener Romanist Wilfried Floeck als Vertreter des Dekans die Interdisziplinarität der Theaterwissenschaften hervorhob. Für die meisten der angereisten ehemaligen Absolventen des Faches dürfte die Gelegenheit zur Begegnung untereinender und mit früheren Lehrern ein wichtiger Anlass gewesen sein, nach Gießen zu kommen. So war unter den Gästen auch der New Yorker Theatermacher und -autor John Jesurun, der neben vielen anderen Künstlern und Theaterpraktikern als Gastprofessor schon Mitte der achtziger Jahre in Gießen prägend gewirkt hatte. Nach der Aufführung dreier szenischer Projekte der Studierenden ergab sich bei der anschließenden Party - einer Disziplin in der die Theaterwissenschaftler innerhalb von zwanzig Jahren ebenfalls einigen Ruhm erlangt haben - bis in den frühen Morgen die Möglichkeit zu Gesprächen in einer angenehmen Atmosphäre.