Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Die Verunsicherer

Hort der Postdramatik: 30 Jahre Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen
Der Mythos wohnt hinter grauem Waschbeton.

Standing Ovations und frenetischer Pressejubel haben hier, in einem unspektakulären Uni-Zweckbau inmitten hessischer Herbstwälder, ebenso ihren Ursprung wie gnadenlose Verrisse und wutschnaubende Abo-Kündigungen: im Institut für Angewandte Theaterwissenschaft (ATW) in Gießen. Vor genau 30 Jahren ist es angetreten, die deutschsprachige Theaterlandschaft radikal aufzumischen.

Auf den Gängen herrscht Hochbetrieb, Stimmengewirr in Englisch und Deutsch, Trubel beim Wiedersehen angereister Ehemaliger, letzte Requisiten werden herangeschafft. Die berüchtigte Probebühne, auf der schon René Pollesch in seiner Studienzeit mit ersten szenischen Versuchen kämpfte, ist einer der Austragungsorte des internationalen Performance-Festivals "Diskurs", das diesmal mit der 30-Jahrfeier des ATW endet. Will man dem Ruf, der Gießen vorauseilt, nachspüren, ist dies der richtige Ort, denn hier soll - ohnehin ein Grundsatz des ATW - theatrale Forschung betrieben werden. Gerade prügeln sich "The Dangerologists", zwei junge Performer aus London, in Hemd und Krawatte über die Bühne - eine Reflexion des New-Economy-Alltags im Wrestling-Format.

Zentral beim alljährlichen "Diskurs"-Festival sind die intensiven Gespräche zwischen Publikum und Performern über Methoden und Wirkungsweisen - ein Standard am ATW. Das Festival wird von Studierenden in Eigenregie kuratiert. "Studierende und Lehrende sollen sich auf Augenhöhe begegnen, und das funktioniert auch", sagt Elisabeth Krefta, die das Festival mitorganisiert. Ihr "Diskurs"-Kollege Christoph Bovermann ergänzt: "Es gibt einen politischen Anspruch, der zieht sich durch alle Ebenen. Außerdem schauen wir kritisch auf die Entwicklung der Kulturszene und, ganz wichtig, wir hinterfragen die Produktionsweisen von Kunst."

Dieses "Hinterfragen", der repräsentationskritische Ansatz, der sich von Brechts Utopie des Künstlers als Wissenschaftler ableitet, ist auch eine der wenigen deutlichen Gemeinsamkeiten von Gießener Absolventen: Hier sind Performance-Kollektive wie Gob Squad, She She Pop oder in jüngerer Zeit Monster Truck entstanden. Hier wurden die Grundlagen für das Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll und dessen Theater mit "Experten des Alltags" gelegt. Hier studierten so unterschiedliche Regisseure wie die Choreografin Helena Waldmann, der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger oder, Jahre später, der als Regisseur von Romanvorlagen viel gefragte Bastian Kraft. Auch Autoren wie Moritz Rinke und Tim Staffel sind Gießen-Abgänger, neben namhaften Theaterwissenschaftlern, Journalisten, Lektoren, Kuratoren und sonstigenKreativberuflern. Stilprägend für das Institut war Andrzej Wirth, der 1982 als erster Leiter berufen wurde. Es war eine gute Zeit für so ein Experiment, denn die erstarkende freie Szene hatte bereits Pionierarbeit in Sachen neuer Theaterästhetik geleistet. Wirth selbst ist ein Allrounder: Theaterkritiker, -praktiker und -lehrender, international bestens vernetzt.

Unbeeindruckt von den beschränkten Vorstellungen deutscher Uni-Gremien, baute er das ATW nach dem Vorbild amerikanischer "Drama Departments" auf, wollte Theorie und Praxis gleichberechtigt zusammenbringen. Er holte Hans-Thies Lehmann für die Theorie, der dann mit dem Buch "Postdramatisches Theater" das zeitgenössische Bühnengeschehen neu definierte, und etablierte auch die enge Kooperation mit anderen Studiengängen. Wenn dann mal ein ATW-Student beim performativen Referat im Poststrukturalismus-Seminar stundenlang ein Buch in konfettigroße Teilchen zerschnitt, war das als produktive Verunsicherung durchaus gewollt.

Wirth und seine Nachfolgerin Helga Finter brauchten zudem Praktiker - warum also nicht gleich die gesamte zeitgenössische Avantgarde mit ins Boot holen? Eine zweite Professur wurde eingerichtet und in jedem Semester neu auf zwei bis vier Gäste aufgeteilt. Und sie kamen alle: Heiner Müller ebenso wie Robert Wilson, der Godfather des experimentellen Theaters, später dann die Performance-Künstlerin Marina Abramovic oder der Klangkünstler Felix Kubin. Sie arbeiten praxisorientiert mit den Studierenden, sind Inspirationsgeber und Begleiter, nicht aber Lehrer eines bestimmten Stils.

Seit 1999 hat Heiner Goebbels, der derzeitige Intendant der Ruhrtriennale, die künstlerische Professur am ATW inne. Als praktizierender Künstler kennt er den Kulturbetrieb und seine Institutionen - das hilft, das Studium vor Weltfremdheit zu bewahren. "Künstlerische Forschung", das Leitmotiv des ATW, bedeutet für ihn eine grundsätzliche Bereitschaft zum Experimentieren: "Das heißt, Theater nicht einfach so zu machen, ,wie es eben gemacht wird’, sondern immer zu fragen: Geht es nicht auch ganz anders?" Alle Grundannahmen dürfen, ja sollen überprüft werden. "Ein Stück kann auch mal keinen Text haben", sagt Goebbels, "es kann Tanz ohne Licht geben, oder Licht ohne Performer - all das gehört zum Experiment."

Goebbels setzt auf die gegenseitige Beeinflussung von Theorie und Praxis: "Die Theorie entsteht bei uns aus einer Anschauung, aus Seherfahrung, künstlerisch-praktischer Forschung." Das wiederum fließe in das künstlerische Produkt mit ein, "es gibt da sozusagen eine Feedbackschleife". Ilia Papatheodorou, Gründungsmitglied der Performance- Gruppe She She Pop, kennt diesen Vorgang gut. Da sich das ATW-Jubiläum mit einer Kolumbien-Tournee der Truppe überschneidet, schickt sie aus Bogotàeine Mail, um von einem Schlüsselerlebnis im Studium zu berichten: In einer theoretisch klar durchdachten, kritischen Performance über den Mythos Afrika 1995 seien sie das erste Mal "mit diesem voyeuristischen Blick konfrontiert" worden, "dem alle Frauen auf der Bühne ausgeliefert" seien. "Dass man so zum Objekt wird", schreibt Papatheodorou, "hat uns als konzeptuell denkende Künstlerinnen hart getroffen." Von da an blieb das Licht im Zuschauerraum an, und She She Popbegannen, die Leute anzusprechen, die Publikums-Fantasien aufzugreifen, zu erfüllen oder zu konterkarieren - eine Methode, die ihre Auftritte bis heute prägt.

Gruppen wie She She Pop haben das Bild des ATW geprägt. Doch in Andacht verfällt darob in Gießen niemand. Es sollen nicht Stars produziert, es soll das eigene künstlerische Wollen erforscht werden - ein frappierend unökonomischer Ansatz. Beim Institutsgeburtstag wird zwar in Festreden zurückgeblickt, gezeigt werden aber zwei aktuelle Projekte von Studierenden, die die Bandbreite des ATW ausleuchten. Die Gruppe SKART beginnt mit einer Tour de Force durch deutsche Befindlichkeiten, anti- und übertheatral, intellektuell und albern, politisch unverschämt deutlich und wahllos assoziativ zugleich. Der Titel: "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker". Es folgt "I/2/II", eine Studie von Bachelor-Studierenden, entstanden in Kooperation mit der School of Arts in Brüssel. Sie treiben die Konzentration auf Elemente wie Klang, Licht und Bewegung auf die Spitze. Dunkelheit, rhythmische Wiederholung, absolut keine Sinnstiftung - das Publikum wird rückhaltlos auf sich selbst zurückgeworfen. Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner dieses Instituts, dessen Ästhetik die etablierten Bühnen längst übernommen haben, wenn auch oft unreflektiert: zu irritieren, zu verunsichern - wenn man es denn zulässt.