Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Wilhelm Meister. Eine theatralische Sendung


KENNST DU DAS LAND, WO DIE ZITRONEN BLÜHN,
IM GRÜNEN LAUB DIE GOLDORANGEN GÜHN?

Unerlöst bleiben der Leser und sein Held am Ende der Lektüre von »Wilhelm
Meisters theatralische Sendung« (1777–1785). Die abenteuerliche Deutschlandreise des jungen Theaterfanatikers endet just an dem Punkt, an dem Wilhelm Meister zum ersten Mal irgendwo anzukommen scheint: in der Stadt H., am Theater des Direktors Serlo, der dem jungen Meister noch dazu ein Angebot macht, das dieser nicht ablehnen kann. Wie die Geschichte weitergeht, erfahren wir auch nicht aus der zehn Jahre später entstandenen Version »Wilhelm Meisters Lehrjahre«. Hier ist Meister ein ganz anderer: das jugendliche Genie ein liebenswerter Dilettant, das Sendungs-bewusstsein des Ersten – mit den Augen des Geheimen Rats gesehen – nur noch harmloser Theaterwahn. Auch die deutlich autobiografischen Bezüge hat Goethe in der Zwischenzeit ausgemerzt.


Eines aber bleibt bestehen: das zu Erlösende, das Ziel der theatralischen
Mission, die Vision einer »Kulturnation«. Denn dieser glaubte Goethe mit den Mitteln des Theaters in Deutschland aufhelfen zu können. Es müsste nur das richtige Theater sein. Sowohl Theater als auch Nation jedoch liegen in einem unbewussten
Schlummer. Und Wilhelm Meister – der der frühen Fassung – scheint, wenn überhaupt einer, der Mann zu sein, beide zu erwecken.


Der Regisseur Ulrich Rasche erregt seit 2004 Aufsehen mit spektakulären
Chorprojekten, die Musik, Literatur und Choreografie zu einer Einheit formen. Auch dem »Wilhelm Meister« wird er sich mit diesen Mitteln in der großen Halle des Bockenheimer Depots nähern und über die Sendung meditieren, deren Eintreffen
Goethe 1785 noch einmal verschob.