Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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The Grand Defender


ÜBER UNS:

THE GRAND DEFENDER ist die weltweit führende Sicherheits-Beratung. Wir verstehen uns als Generalist unter den Verteidigern.
Zu unseren Kunden gehören neben kleineren und mittleren Kommunen auch grössere Städte und Metropolregionen. Darüber hinaus beraten wir in Einzelfällen auch Privatpersonen und bieten öffentliche Präsentationen und Workshops an.

Unsere Aufgaben sind so vielschichtig wie die Herausforderungen des gerade angebrochenen Jahrhunderts. Wir konzentrieren uns auf die Themen, die Einfluss auf die Zufriedenheit und das Überleben des Organismus "Gemeinwesen" haben. Die Einführung von Accounting-Prozeduren und Legislatur sowie generelle Vorkehrungsmaßnahmen und Notfallkampagnen machen rund die Hälfte unserer Arbeit aus. Weitere zentrale Arbeitsgebiete sind der Festungsbau und die Entwicklung innovativer Waffentechnologie.

Struktur und Schwerpunkte dieser Aufgaben verändern sich mit der Entwicklung der geopolitischen Lage und der raschen Zunahme globaler Herausforderungen. Die ständige Anpassung an neue Erfordernisse gewährleisten wir durch eigene Forschungsarbeiten in wichtigen Bereichen - "The Military Chapters" bilden die weltweit umfangreichste Studie auf dem Gebiet der Verteidigung - sowie durch fortwährende Aus- und Weiterbildung unseres Expertenteams und kontinuierliche Kooperationen mit bewährten Partnern.

Die Installation wurde realisiert im Rahmen des Bahnwärterstipendiums Bildende Kunst der Stadt Esslingen.

Besonderen Dank an die Villa Merkel, den Offenen Kanal Giessen und die Stadt Esslingen.



Man könnte Tobias Rosenbergers jüngstes Projekt, The Grand Defender, glatt für bare Münze nehmen und meinen, man betrete den Informationsstand einer Beratungsfirma. Die geradlinige Gestaltung in neutralem Weiß, die seriöse Videopräsentation, die zwölf Figuren, die in einer vertikal verlaufenden Vitrine in gleichmäßigem Abstand aufgereiht sind und das an der vorderen Ecke aufgebaute Architekturmodell verraten auf den ersten Blick nicht, dass es sich um die mediale Aufbereitung von zweieinhalb tausend Jahre alten Ideen des chinesischen Philosophen, Ingenieurs und Militärberaters Mozi handelt. Erst beim Nähertreten entdeckt der Betrachter, dass die Figuren Verteidigungsstrategien, wie beispielsweise Fluten oder Unterminieren sowie militärische Ausrüstung wie Leitern, Haken, Rammbock und Panzerwagen darstellen, die am Computer modelliert und mit Hilfe von 3D-Druckern realisiert wurden. Und erst nachdem man den Ausführungen des leicht borniert wirkenden Sprechers eine Zeit lang zugehört hat, stellt man fest, dass hier von Maßnahmen die Rede ist, die nicht auf dem technologischen Stand der Zeit sind.

Die Beraterbranche, deren Praxis bei der Konzeption von The Grand Defender die Folie bildet, hatte vor wenigen Jahrzehnten noch bei weitem nicht die Bedeutung, wie dies heute der Fall ist. Externe Beratungsfirmen beschäftigen weltweit Heerscharen von Experten, die ihr Wissen und Können daran setzen, ihrer Klientel zu mehr Effizienz und Produktivität zu verhelfen.
Welches Bild ergibt sich aber, wenn man die Beratertätigkeit aus ihrem Kontext herauslöst und so ihren konkreten Zweck vorübergehend suspendiert? The Grand Defender platziert sich in einem historisch-politischen Zwischenraum, der sich durch diesen Vorgang der De-Kontextualisierung ausbreitet. Durch das neue Zusammensetzen an passenden Anknüpfungspunkten entsteht ein Epochen und Kulturen übergreifendes Modell. Die „Military Chapters“ von Mozi, die Inspiration für The Grand Defender und Grundlage für die Textgestaltung waren, sind frühe Zeugnisse der chinesischen Kultur für die Entwicklung einer Staatsräson, die den heutigen Problemen moderner westlicher Staaten sowohl in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ähnlich ist. Allerdings schafft die Differenz durch das Spiel mit verschiedenen Kontexten die Möglichkeit, die Prinzipien dieses Gedankengebäudes wieder wahrnehmbar zu machen, die im Verlauf der historischen Entwicklung zum festen Inventar des kollektiven Bewusstseins geworden sind.

Die Mittel, die Meister Mo den ratsuchenden Herrschern zur Verfügung stellt, sind in erster Linie politischer und militärischer Natur: ein gut funktionierender Verwaltungsapparat und effektive Verteidigungsstrategien bilden die Eckpfeiler. So ergeben sich die Nahtstellen, an denen man die mohistische Lehre der Zeit der Streitenden Reiche (481 – 221 v. Chr.) mit der Unternehmensphilosophie von Beratungsfirmen der Gegenwart bündig zusammenbringen kann. Das erklärte Ziel der mohistischen Schule ist es, Städten und Kommunen Sicherheit zu gewährleisten, damit sie zu florierenden Zentren des Volkes werden können. Da eine militärische Auseinandersetzung immer die Mobilisierung aller Kräfte erfordert und der Nutzen selten in einem Verhältnis zu den Kosten steht, riet Mozi von einem Angriffskrieg generell ab. In einer Anekdote über Mozis Wirken als Berater wird erzählt, wie er den Fürsten von Chu davon überzeugte, von seiner geplanten Eroberung der kleinen und schwachen Stadt Song abzusehen. Da der Chu-Fürst erstens weder wirtschaftlichen noch politischen Nutzen daraus ziehen würde, und zweitens vom militärisch-strategischen Standpunkt überhaupt nicht in der Lage sei, die Stadt einzunehmen, unterlies er den Feldzug. Allerdings erst, nachdem Mozi ihm demonstrierte, dass der Fürst die mohistische Verteidigung nicht werde überwinden können.
Die Verteidigungsstrategien des Grand Defenders entfalten so bereits im diplomatischen Machtspiel ihre Wirkung, gerade weil es bei einer symbolischen Demonstration der Möglichkeiten bleibt, die der scheinbar Schwächere zur Verteidigung hätte aufwenden können. Die Geschichte der strategischen Absicherung wäre ohne geeignete Begrifflichkeiten sowie ohne geeignetes Anschauungsmaterial undenkbar. Das Modell, die Skizze, die schematische Darstellung, die sich an den Gegebenheiten der Wirklichkeit entzündet, nimmt wiederum Einfluss auf die Wirklichkeit und kann Teil eines Plans werden, indem Möglichkeiten, Vorstellungen, oder auch reine Phantasien suggeriert werden, die schon manch einen zur Einsicht gebracht haben, denn das dem Bewusstsein dargebotene sinnliche Anschauungsmaterial überdeckt zumindest für den Moment die vielen Gesichter der Angst.
Durch das besondere Interesse an der modellhaften Darstellung, wie sie zentraler Bestandteil der mohistischen Verteidigungslehren und der Arbeit von Beratern des 21. Jahrhunderts ist, eröffnet Tobias Rosenberger mit seiner Installation „The Grand Defender“ den Blick auf eine frühe Entwicklungsstufe im Zivilisationsprozess, gekoppelt an gegenwärtige Praktiken. Der Kunstgriff, dass sich die Schnittmengen scheinbar wie von selbst ergeben, verdeckt gleichzeitig einen langen Zeitraum unterschiedlichster Entwicklungen und werfen beim Betrachter Fragen über den Menschen des 21. Jahrhunderts auf, der sich technologisch längst selbst überholt hat, während er im Grunde noch von denselben Wünschen, Sorgen und Ängsten getrieben wird. Der gemeinsame Nenner der so unterschiedlichen Kulturen und der weit auseinanderliegenden Epochen kann nur der Mensch sein, denn, wie André Gide einmal für sich entschied: egal welche Frage die Sphinx vor den Stadttoren ihm gestellt hätte: „Ich hätte immer gesagt der Mensch. Denn es ist doch der Mensch, um den sich alle Rätsel ranken.“

Dominik Meier