Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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RECHERCHE


„Die Abende, da wir unter dem großen Kastanienbaum vor dem Hause, um den Eisentisch saßen..."
Das Projekt RECHERCHE will als work in progress verstanden werden. Bisher haben zwei Arbeitsphasen stattgefunden. Im Zentrum steht der Prozess. Wir begreifen die Aufführung nicht als Produkt sondern als ein Schritt in der Recherche. Sieben Theaterschaffende aus verschiedenen Disziplinen betreiben ein Labor. Die versammelten Fachkompetenzen und die daraus resultierenden unterschiedlichen Sichtweisen auf einen gemeinsamen Gegenstand werden im ständigen Dialog ausgetauscht. Unser Material sind wir selbst in Konfrontation mit dem scheinbar übermächtigen Werk À la recherche du temps perdu – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust.

„.. ich erinnere mich schon wieder an meine Buntstifte.“
Die erste Arbeitsphase war dem Phänomen des Erinnerns gewidmet. Ein Versuch das von Proust beschriebene nachzuvollziehen, den Erinnerungsmechanismen auf die Spur zu kommen, unwillkürliche Erinnerung auszuprobieren. Lässt sich das Erinnern als szenischer Vorgang denken? Im Labor stellen wir uns der Frage, wie man sich gleichzeitig im Raum der Erinnerung und im Hier und Jetzt der Aufführungssituation befinden kann. Anstöße zum Erinnern entnehmen wir dem Raum wie dem Zusammensein in einem Raum. Die Spielanweisung lautet: sich in die Bildwelten des Erzählenden denken und eigene assoziieren. In dem Aussprechen der Erinnerung zeigt sich die Verbalisierung als Abstraktion. Das Veräußerlichen des Ureigenen als alltägliches Kommunikationsverhalten wird in der Aufführungssituation reflektiert und als solches ausgestellt. Aufgeworfen werden Fragen wie: was ist Wissen, was heißt erzählen, wie funktioniert Assoziation, was bedeutet Wahrheit? Aber auch, welche Relevanz haben unsere ganz persönlichen Erinnerungen? Inwieweit stehen sie für ihre Zeit und sind in ihrer Banalität ein Zeitdokument? In der Arbeitsphase I wurde eine Technik entwickelt mit der die Präsentation bestritten wird. Ohne festgelegten Ablauf erinnern wir zu siebt vor Publikum und an das Publikum adressiert. Konstruiert wird eine offene Struktur, die den Zuschauer dazu einlädt, sich in den Erinnerungsfluss einzuklinken.

„..., und ich ging dann unauffällig sagen, man möge den Fruchtsaft bringen, ...“
Prousts Werk als Universum verstanden, als Lust in der wir schwelgen wollen, gegenüber dem wir uns zu behaupten versuchen, trat in der zweiten Arbeitsphase ins Interessenzentrum. Lässt sich Prousts Werk auf die Bühne bringen? Die ersten fünfhundertvierundsechzig Seiten auf der Suche, auf der Suche durch fünfhundertvierundsechzig Seiten – vierzehn Seiten davon lernen wir auswendig, verteilt auf sieben Personen. Doch der umfangreiche Roman mit seinen komplexen Satzstrukturen fordert auch vom Leser/Zuhörer/Zuschauer eine immense Erinnerungsleistung ab. Welche Chancen birgt hierbei die Bühne? Ein szenisches Aufgreifen des Textes, jenseits einer Dramatisierung des Stoffes, eine direkte Konfrontation des Wortes als gesprochenes mit einem Publikum ist der Gegenstand unserer Recherche. Wir untersuchen in welchem Verhältnis die imaginären Bilder des erzählten Textes stehen, zu den Bildern, die wir auf der Bühne konkret schaffen. Unsere Körper werden zu Projektionsflächen, der Text wird zum Teil aus dem Publikum auf die Bühne gesprochen. Ein Bild taucht auf und verschwindet. Der Roman soll sich im Raum ausbreiten; wie viel Verkörperung wollen wir wagen? Die von Proust skizzierten Figuren versuchen wir nachzuskizzieren – mal mit dem Stift, mal mit dem Körper. Wir stehen vor der Frage, wie wir Prousts Text auf der Bühne sprechen können. Wie viel Erzählerhaltung wollen wir ins Sprechen eines in dieser zweiten Arbeitsphase auswendig gelernten Textes legen? Prousts Text als reißender Bach, der vorbei rausch und auf dem man treiben kann. Es zeigt sich, dass sich die großen Sinnbögen beim Zuhören nur schwer erfassen lassen. Doch vielleicht, durch eine kleine – zufällige? – Geste des sich mit der Hand über die Stirn Wischens, leuchten kurz – banale? – Momente aus einem dicht gewobenen Teppich von Erinnerungen aus einer anderen Zeit auf, eine Spannung liegt im Raum und eine Atmosphäre macht sich breit, als säße man an einem lauen Sommerabend unter einem großen Kastanienbaum. Indem wir uns den Ausschnitt aus Prousts Roman gegenseitig erzählen, laden wir den Zuschauer dazu ein, mit uns auf Swanns Erscheinen zu warten.