Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Performance für Mädchen und Minibagger


Die Industriebrache: Zeitzeichen für den Niedergang der klassischen Arbeiterschaft und dem damit einhergehenden Boom von Do-it-yourself und Baumarktbewegung.
Der Wandel stadtnaher terrains vagues, die Umstrukturierung von ehemaligen Arbeiterstadtvierteln, die fortschreitende Gentrifizierung – noch bevor sich professionelle Baumaschinen und Bauherren der Hafeninsel bemächtigen, um ihren Bebauungsplan zu verwirklichen, soll auf diesem Gelände ein Loch gegraben werden.


Ein Sonntagsspaziergang Mitte Mai 2011 zum ehemaligen Festivalgelände dokumentiert das bisherige Voranschreiten der Bebauungspläne (siehe Bilder).



Lucius Burckhardt Niemandsland (1980)

Niemandsland, das ist das Land, wo der Schorsch seine selbstgebastelte Rakete zündete und wo die Anne ihren ersten Kuß bekam. Niemandsland gibt es nicht, wenigstens nicht in einer anständig geplanten Stadt. Niemandsland ist ein Produkt der Planung: ohne Planung kein Niemandsland. Aber wenn die Planer merken, daß sie das Niemandsland geplant haben, ist es aus mit dem Niemandsland. – Dann wird schon der Name geändert: es heißt dann „dysfunktionale Flächen“. Aber das kümmert den Schorsch und die Anne noch nicht; sie ärgern sich erst, wenn die die städtischen Equipen das Gebüsch niederbrennen, das Bachufer begradigen, die Wiese periodisch mähen und einen Sitzplatz mit Grill errichten .
Der fortschrittliche Staat plant für alle: Er plant die Sandkästen der Kleinsten, er stellt den Müttern die Bänke bereit, er baut die Spazierwege und pflanzt für alle: Er plant die Sandkästen der Kleinsten, er stellt den Müttern die Bänke bereit, er baut die Spazierwege und pflanzt und fällt die schattenspendenden Bäume für die Alten, er schafft einen Bolzplatz für die älteren Kinder, Sportplätze für die Jugend, Parks und Tummelplätze für die Familien, ganz zu schweigen von den Autostraßen, den wohl wichtigsten Freizeitflächen überhaupt.
Und der Staat sorgt auch für die Halbwüchsigen, indem er das Niemandsland plant; nur weiß er es nicht. Niemandsland ensteht da, wo nach Ausscheiden einer Bauzone die landwirtschaftliche Nutzung obsolet, die städtische Nutzung aber noch nicht genügend rentabel ist. Niemandsland ist der Leerraum zwischen dem Stadtkörper und seinem zu groß geschneiderten Planungsanzug. Wir alle, besonders aber die Halbwüchsigen, sind ihm dankbar dafür.
Natürlich bedroht die Planung auch das Niemandsland. Diese Bedrohung nennt sich „Grünplanung“. Zugegeben, die Grünplanung hat es in unseren Städten schwer: Bebaute Fläche lassen sich nicht in Grünflächen verwandeln. Sie muß also darauf ausgehen, Grünflächen in Grünflächen zu verwandeln. Seitdem die Stadtgärtner sich nicht darauf beschränken, den Stadtpark und einige andere Anlagen zu begrünen, ist das Niemandsland gefährdet.
Die Stadtbegrünung, die das Niemandsland in disziplinierte Grünflächen verwandelt, leistet weder einen Beitrag zur Verschönerung der Stadt, noch zur Vermehrung der Freizeitflächen. Durch die totale Begärtnerung entsteht nämlich nicht das, was die Gärtner sich davon erhofften – eine Stadtlandschaft; im Gegenteil. Je mehr dem Auge schon vorgegeben wird, desto weniger ist es geneigt, dieses Gesehene unter das Bild einer Landschaft zu subsumieren. Die Art und Weise, wie Städte begärtnert werden, steht immer noch unter dem Anspruch der dreißiger Jahre: Funktionalisierung und Hygienisierung. Und diese zweckgerichtete Begrünung nimmt nun gerade der Freifläche ihre Freiheit, letzter Auslauf zu sein, insbesondere für jene Altersstufe, die ohnehin mit dem Stigma des Undisziplinierten behaftet ist, für die Halbwüchsigen. Und halbwüchsig sind wir bis ins hohe Alter.