Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Studierzimmer / Nachts


"Die Zeit ist ein spielendes Kind, das hin und her die Brettsteine setzt:
Herrschaft des Kindes!"

Studierzimmer / Nachts
Installatives Theater nach dem Text "Sizilischer Brief an den Mann im Mond" von Ernst Jünger

Der Ausgangstext von Ernst Jünger stellt die Frage nach der "ordnenden Funktion der Reorganisation von Raum und Wahrnehmung entlang des Flächigkeitsparadigmas". Im Zusammenlauf von mikro- und makroskopischen Blick wird die Welt neu formatiert, es kommt zu einer heterogenste Teile umfassenden Synthese. Diese Analyse, die gerade vor dem Hintergrund urbaner Entwicklungen / Theorien des 21. Jahrhunderts (vgl. u.a. Rem Koolhaas "City of most exacerbated difference"), eine interessante Folie abwirft, geht bei Jünger einher mit der Ankündigung der Figur des "homo ludens", der in einer Welt, in der nach dem Tod Gottes das Ludische zum konstituierenden Faktum geworden ist, zum Gegenspieler des der Zeit unterworfenen Arbeiters erwächst, und der durch die innerliche Restitution der Kinderzeit das Potential einer umfassenden Wiederherstellung der Welt in ein Spielfeld, in das selbst die Technik einbeziehbar ist, in sich trägt.

Das Konzept:

Unsere Spielfläche ist ein quadratischer Raum, der Ausmasse zwischen 8x8m und 12x12m hat. Jeder Durchgang besteht aus 8 Teilen a 5 Minuten. Die Zuschauer (höchstens 20 gleichzeitig) befinden sich im gleichen Raum, können sich frei bewegen. An den 4 Ecken des Raumes sind 4 Lautsprecher aufgebaut, auf denen pro Durchgang 8 Samples (Außenaufnahmen in unmittelbarer Umgebung des Aufführungsortes, mit speziellen Charakteristika wie bspw. Vögelgezwitscher, Martinshorn...) abgespielt werden, die randomatisch ausgewählt werden (d.h. 8x7x6x5x4x3x2x1 Kombinationsmöglichkeiten) und die jeweils innerhalb eines festgelegten Rahmens weiteren generativen Prozessen (Loop-Start- und Endpunkt, Delaylinien, Panning...) unterzogen werden, so dass es auch bei mehreren Durchgängen niemals zu einer Wiederholung kommt. Ebenso gibt es durch 16 geometrisch auf dem Boden angeordnete kleine Baustellenfluter 8 verschiedene globale Lichtstimmungen, welche ebenfalls randomatisch ausgewählt werden. Das weitere Bühnenbild besteht aus einem 30er-Jahre Schlafzimmer, Bett, Nachttisch und großem Kleiderschrank, sowie einem "der Zeit entsprechenden" Studiertisch mit grünem Oberflächenbelag, alles Elemente die im Verlauf eines Durchgangs spielerisch und multifunktional von den Darstellern benutzt werden. Pro Durchgang befindet sich ein, auf 4 weiteren im Raum verteilten kleineren Lautsprechern (welche mit dem Holz des Schlafzimmers verkleidet sind) , akustisch verstärkter Darsteller im Raum, der einerseits als Konstante den Vorlagentext in dem festgelegten Zeitrahmen von 40 Minuten wiedergibt, andererseits über ein endliches Reservoir an Aktionen im Raum verfügt, die generell durch das spezielle Charakteristika des jeweiligen Soundsamples ausgelöst werden und durch ein entsprechendes Aktionslicht, produziert von 16 auf dem Schrank positionierten und heterogen ausgerichteten Pinspots, unterstützt werden. Diese fünfminütigen Aktionen funktionieren in sich abgeschlossen, wobei sie gleichzeitig aufeinander Bezug nehmen können, wenn bspw. eine Aktion darin besteht in der Rolle eines Entomologen, am Tisch sitzend kleine Solarzellen mit Piezos, die verschiedene Frequenzbereiche haben, zu verbinden und anschließend an einer gespannten Wäscheleine aufzuhängen, während eine andere Aktion die Eingabe der Koordinaten eines an der Decke ausgerichteten Movinglightes beinhaltet, welches dann innerhalb dieser eingegebenen Koordinaten randomatisch für eine festgelegte Dauer den Bereich der Solarzellen mit Strom versorgt.

1. Testlauf:
Pb Giessen, 10.2.07
19.30
20.15
21.00

Beteiligte:
Regie: Tobias Rosenberger
Musik: Gilles Aubry
Licht / Dramaturgie: Christian Flierl
Darsteller: Lars Brückmann