Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Der beobachtende Blick: Ethnographie als theaterwissenschaftliche Methode und künstlerische Strategie in Probe und Performance


BA 03/04/05/09/10/11
MA 01/03/04/05
CUP 02


Ethnographie ist ein Verfahren zur Material- bzw. Datenerhebung: Ihr Hauptwerkzeug ist die Beobachtung. Ethnographie wird über die Anthropologie hinaus eingesetzt, um bestimmte Informationen direkt aus einem lokal beobachteten Feld zu gewinnen. Das Feld wird durch die jeweilige Fragestellung auf eine bestimmte Lebens- oder Kulturwelt begrenzt. Nach James Clifford begibt sich der/die Forschende in den zu erforschenden Mikrokosmos, beobachtet, dokumentiert, überführt die Dokumentation in seinen eigenen Kontext zurück und vermittelt das Beobachtete dort. Der letzte Schritt kann mit der Anwendung einer Theorie und/oder der Verortung in einem für den Gegenstand relevanten Diskurs einhergehen.
Ethnograph*innen nehmen zu unterschiedlichem Ausmaß an den Prozessen im Feld teil. Da sich die Beobachtungen nie von der Wahrnehmung des forschenden Subjekts trennen lassen, besteht bei der Ethnographie immer die Notwendigkeit der Reflexion von Subjektivität und Färbung der Beobachtungen, von eigener Rolle und Einflussnahme durch die Anwesenheit im Feld.
Ethnographie kann in der Theaterwissenschaft sowohl als Analysetool zur Untersuchung von theatralen Prozessen sowie Arbeits- und Probenprozessen eingesetzt werden. Darüber hinaus gerät sie im Seminar als eigenständige Strategie zur Generierung künstlerischen Materials bzw. als künstlerische Arbeitsweise in den Blick. Als prozessorientierter Ansatz ermöglicht sie uns, eine textzentrierte Perspektive auf Theater aufzugeben: Ethnographie als Technik der Probe, als Methode der Selbst-, Fremd- und Gruppenbeobachtung? Weitere Einsatzmöglichkeiten werden während des Seminars von den Teilnehmenden reflektiert und erprobt. Wir werden die Potentiale der Methode erörtern und uns kritisch mit ihren praktischen Grenzen und diskursiven Fallstricken auseinandersetzen.
Neben theoretischen und methodologischen Überlegungen werden im Seminar auch Beispiele aus der Praxis erarbeitet und mit der künstlerischen und wissenschaftlichen Expertise der Teilnehmenden sowie ihren bisherigen Erfahrungen mit ethnographischer Arbeit in Bezug gesetzt. Mittelpunkt des Seminars ist dann die Durchführung einer eigenen Mikroethnographie.