Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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TO DO AS IF - Realitäten der Illusion im zeitgenössischen Theater


Gießen, 6. und 7. Juli 2012,
Margarete-Bieber-Saal und Probebühnen des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft


Konzeption: Dr. André Eiermann (JLU-Junior Science and Teaching Unit am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft)
Mitarbeit: Anna Schewelew


Wenn in Bezug auf Theater von Illusion die Rede ist, denkt man in der Regel nicht ans zeitgenössische Theater. Schließlich ist gegen das, was gemeinhin unter 'Illusionstheater' verstanden wird, seit den Experimenten der historischen Avantgarden, Bertolt Brechts anti-illusionistischen Forderungen und Maßnahmen sowie den transgressiven 'Einbrüchen des Realen' der Performance Art einiges unternommen worden.

Unter dem Eindruck dieser Entwicklung konzentrierte sich der theaterwissenschaftliche Diskurs des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts hinsichtlich einer Beschreibung der Paradigmen des zeitgenössischen Theaters vorwiegend auf die Betonung der ästhetischen Eigenqualität des Vollzugs theatralen Handelns. Die Beschäftigung mit Phänomenen des Als-ob geriet in diesem Zusammenhang zwar nicht gänzlich aus dem Blick, trat aber durchaus in den Hintergrund theaterwissenschaftlicher Forschung. Erst in jüngster Zeit nimmt eine solche Beschäftigung wieder zu – bzw. der theaterwissenschaftliche Diskurs wieder öfter davon Notiz, dass im zeitgenössischen Theater auch unabhängig von der Darstellung in sich geschlossener fiktiver Realitäten und gerade im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Realität der Aufführungssituation durchaus und in nicht geringem Maße mit Formen des Als-ob gespielt wird.

Allerdings ist dabei die in anti-illusionistischer Tradition stehende Prämisse, dass dieses Spiel dadurch gekennzeichnet sei, sich stets auch als solches mitzuzeigen, bislang weitgehend unhinterfragt geblieben. D. h. als Grundlage der Beschreibung hat sich bisher (von wenigen Ausnahmen abgesehen) die Annahme halten können, dass das Als-ob im zeitgenössischen Theater zwar eine wichtige Rolle spielt, mit Illusion jedoch nichts zu tun hat.

Gerade mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen der szenischen Kunst ist nun aber zu bemerken, dass sich unter den verschiedenen zeitgenössischen Spielformen des Als-ob nicht wenige finden, die keineswegs auf eine permanente Offensichtlichkeit verpflichtet sind und durchaus als illusionserzeugend beschrieben werden können: Vorproduzierte Video-Aufzeichnungen werden als Live-Wiedergaben des Bühnengeschehens ausgegeben, Performer bewegen ihre Lippen zu Playback-Stimmen, Körperteile scheinen sich zu verselbständigen, oder Nachbildungen von Gegenständen wirken täuschend echt – kurz gesagt: Illusion ist im zeitgenössischen Theater Realität.

Mit dem Ziel, den Konsequenzen nachzugehen, die sich daraus für die Beschreibung des zeitgenössischen Theaters und der in seinem Zusammenhang möglichen ästhetischen Erfahrungen ergeben, versammelt die Tagung theaterwissenschaftliche und künstlerische Positionen, die sich in Vorträgen und Performances mit den Spielformen des Als-ob und den damit verbundenen Realitäten der Illusion im zeitgenössischen Theater auseinandersetzen.


Beteiligte:

Sebastian Blasius
Martin Doll
Yan Duyvendak
André Eiermann
Bernhard Greif und Ferdinand Klüsener
Ulrike Haß
Hofmann & Lindholm
Bojana Kunst (featuring Ivana Müller)
Stephanie Metzger
Nikolaus Müller-Schöll
Boris Nikitin
Gerald Siegmund
Benjamin Wihstutz


Programm:

Freitag, 06.07.2012

Margarete-Bieber-Saal
12:00 Begrüßung
12:30 André Eiermann: TO DO AS IF – Realitäten der Illusion im zeitgenössischen Theater
13:30 Ulrike Haß: While we were holding it together: Das Reale einer Illusion
14:30 Gerald Siegmund: Lachen und die Illusion des Symbolischen
15:30 Kaffeepause
16:00 Hofmann & Lindholm: Erstellen Sie die Strichfassung einer Komödie von Rudi Strahl unter der Prämisse, dass es die DDR nie gegeben hat
17:00 Benjamin Wihstutz: Die Illusion des Mitmach-Theaters
18:00 Bojana Kunst featuring Ivana Müller: Finally Together on Time (Performance-Lecture)
18:30 Pause
Probebühne II
20:00 Yan Duyvendak: Self Service (Performance)
Probebühne I
21:00 Bernhard Greif und Ferdinand Klüsener: Hymnen an die Nacht (Performance)

Samstag, 07.07.2012

Margarete-Bieber-Saal
10:00 Diskussion von Finally Together on Time, Self Service und Hymnen an die Nacht
11:00 Stephanie Metzger: An der Schnittstelle von Realem und Imaginärem. Hyperrealistische Darstellung in Inszenierungen der Gegenwart
12:00 Sebastian Blasius: Den Idioten sehen, der glaubt
13:00 Pause
14:00 Martin Doll: „Die Echtheit des Echten“. Von der theatralen Authentizität in Anführungszeichen
15:00 Boris Nikitin: Wie man Freunde gewinnt und Leute beeinflusst
16:00 Nikolaus Müller-Schöll: „Mitte“ (ohne Anfang und Ende). Über „von Spannungen gesättigte Konstellationen“ in Bildern Jeff Walls
17:00 Abschlussdiskussion
18.00 Ende der Tagung


Die Tagung wird gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung, das Kulturamt der Stadt Gießen, die Hessische Theaterakademie (HTA), das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, das Postdoktorandenprogramm just'us der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Die Präsentation der Performance Self Service wird zudem durch die Stiftung Pro Helvetia unterstützt.