Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Medien der Auferstehung


Gießen, 12.-14.11. 2009
Margarete-Bieber-Saal | Ludwigstraße 34 | 35390 Gießen

Inwiefern wurde die Medienkultur Europas seit der Renaissance vom Denken der Auferstehung geprägt - und inwiefern prägen die verschiedenen Dogmatiken und Aporien der Auferstehung auch heute noch die Medienpraxis?

Mit diesen Fragen befasste sich die internationale Tagung „Medien der Auferstehung“, die vom 12. bis zum 14. November in Gießen stattfand, ausgerichtet vom ZMI, dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, dem Institut für Germanistik und der Hessischen Film- und Medienakademie. Eingeladen von Prof. Helga Finter und Prof. Uwe Wirth, referierten und diskutierten dreizehn Theater-, Literatur-, Medien-, Religions- und Kunstwissenschaftler an drei Tagen über Begriff und Praxis der Auferstehung. Geschätzte neunzig, zum Teil internationale Gäste konnten dabei nicht nur die anregenden Vorträge der Referenten verfolgen, sondern auch der zentralen Frage nach der Realpräsenz „leibhaftig“ anhand einer Reihe beeindruckender christlicher Reliquien nachgehen, die freundlicherweise von Louis Peters, Reliquiensammler aus Köln, zur Verfügung gestellt wurden. Mit seinem Vortrag wurde die empirische Praxis der Realpräsenz als Reliquienverehrung zur fruchtbaren Diskussionsgrundlage.

Eröffnet wurde die Tagung am Donnerstag von Prof. Uwe Wirth. Als erster Gastredner befasste sich Dr. Daniel Weidner (Berlin) mit der konkreten narrativen Inszenierung der Auferstehung in der Bibel. Im Anschluss an Dr. Kai Bremer (Gießen), dessen Vortrag sich der Entwicklung des Osterspiels widmete, untersuchte Prof. Joseph Imorde (Siegen) anhand überraschender historischer Beispiele das Verhältnis von Präsenz und Repräsentation in der Eucharistie.

Den zweiten Konferenztag eröffnet Prof. Helga Finter, deren Vortrag, ausgehend vom Titelbild der Tagung, einer Theatermaschine zur Konstruktion des Paradieses, das italienische Renaissancetheater auf sein Verhältnis zur Auferstehung befragte. Auf Prof. Helmut Krassers Auseinandersetzung mit der Figur des Orpheus und Petra-Bolte Pickers fundierte Analyse der experimentellen Praxis der Stimmforschung im 19. Jahrhundert folgte Prof. Gerald Siegmunds Vortrag über das Tanztheater William Forsythes und seine Methoden der künstlerischen Reflexion des Auferstehungskomplexes. Prof. Bettine Menke (Erfurt) beendete den Konferenztag mit einer erhellenden Lektüre von Walter Benjamins Trauerspielbuch im Hinblick auf den Allegoriebegriff. Am Abend gewährte Prof. Heiner Goebbels einen Einblick in seine Arbeit ("Stifters Dinge").

Am Samstag wurde die Konferenz schließlich mit zwei detaillierten Analysen medialer Auferstehungsfragen beschlossen, zunächst mit Dr. Ulrike Hansteins (Erfurt/Weimar) Vortrag zum transfigurativen Filmende von Rossellinis „Stromboli. Terra di Dio“. Dr. Jörn Etzold beschrieb anschließend, anhand von Ausschnitten aus zeitgenössischen US-amerikanischen Fernsehserien, das Fernsehen als das protestantische Medium schlechthin, als den großen Bestatter, der die Toten nur als Geister wiederbeleben kann und in dessen Keller noch immer die katholische Imagination arbeitet. Besonders die an jeden Vortrag anschließenden Diskussionen unter reger Beteiligung des Publikums zeigten, dass über den Begriff der „Auferstehung“ weiter nachgedacht werden muss. Auferstehung als Wiederholung, von Prof. Karin Wenz (Maastricht) in ihrem Vortrag im Bezug auf das Medium Computerspiel als „replay“ betitelt, muss abgegrenzt werden von der Einmaligkeit der christlichen Auferstehung. Gerade die wiederholte Diskussion theologischer Fragen erwies sich dabei für die Tagung als fruchtbar und lässt auf eine Erweiterung und Fortsetzung dieses interdisziplinären Diskurses hoffen.

Eingerahmt wurde die Tagung von drei ausgewählten künstlerischen Arbeiten von Studenten der Angewandten Theaterwissenschaft. So brachte die Diplominszenierung Appropriation. Parasiten. Krapp's Last Tape. (AT) von Sebastian Blasius das Problem der akusmatischen Stimmen künstlerisch auf den Punkt. Die Installation Projektion 1675 / Leibnizmonument, die von Tobias Rosenberger in einem Nebenraum des Margarethe-Bieber-Saals eingerichtet wurde, bereicherte die Konferenz um eine tatsächliche „Theatermaschine“. Als late night special wurde schließlich das von Boris Nikitin und Malte Scholz produzierte Hörspiel „Woyzeck“ präsentiert, das auf scharfsinnige und unterhaltsame Art und Weise die entscheidende Frage stellte: Wer spricht da?


Die Tagung „Medien der Auferstehung“ wurde veranstaltet vom Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen, dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, dem Institut für Germanistik sowie der hessischen Film- und Medienakademie.

Konzeption: Prof. Dr. Helga Finter, Prof. Dr. Uwe Wirth, Petra Bolte-Picker, Dr. Kai Bremer, Dr. Jörn Etzold.