Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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„Lernen, mit den Gespenstern zu leben.“ Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik


Symposium im Künstlerhaus Mousonturm,
Waldschmidtstrasse 4, 60316 Frankfurt am Main,

31.10.- 02.11.2013.

Eine Veranstaltung des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main im Rahmen der Hessischen Theaterakademie, in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Hessen und Nassau e. V., Frankfurt am Main


Zum Symposium:

„Lernen, mit den Gespenstern zu leben, in der Unterhaltung, der Begleitung oder der gemeinsamen Wanderschaft, im umgangslosen Umgang mit den Gespenstern.“
Jacques Derrida


Gespenster – etwas kehrt wieder, geht um, obgleich es bereits als tot erklärt wurde, macht sich bemerkbar, sucht Körper, Orte und Objekte heim, obwohl ihm kein Platz mehr in der Gegenwart der Lebenden eingeräumt wird. Aufklärung und Moderne widmeten sich der Bekämpfung des Gespensterglaubens und dennoch bevölkern Figurationen des Gespenstischen nicht nur weite Teile der Populärkultur, sondern üben auch große Faszination auf intellektuelle und künstlerische Diskurse aus.

Die Figuren des Gespensts und des Gespenstischen geistern durch Politik, Ökonomie, Theorie, Film, Theater, Bildende Kunst und Populärkultur und gewinnen als Denkmodell und Wahrnehmungsdispositiv zur Auseinandersetzung mit offenen Fragen zur Gegenwart zunehmend an Bedeutung.
Mit der Lehre der Hantologie (von frz. hanter: heimsuchen), der Logik der Heimsuchung, die Jaques Derrida in seinem Werk Marx’ Gespenster (dt. 1996, 2004) entwickelt, setzt der französische Philosoph einen bedeutenden Impuls für die kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriebildung. Derrida beschreibt das Gespenst als das „Anwesende ohne Anwesenheit“ (Derrida, 2004, S. 20). Das Gespenstige ist „niemals als solches präsent“ (ders. S. 10) und öffnet demnach einen spektralen Grenz– und Zwischenraum zwischen Präsenz und Absenz, Sein und Nicht-Sein, Leben und Tod.

Das Gespenstische operiert in der Sphäre des Unverfügbaren, es entzieht sich dem aktiven Zugriff des Willens und verweist auf den Tod, der radikalsten Form der Unverfügbarkeit. Das Gespenstische birgt hohes subversives Potential, da es sich der Politik der Sichtbarkeit widersetzt und die Linearität der Zeit ebenso suspendiert, wie die Homogenität des Raumes. Gespenster erscheinen im Spannungsfeld zwischen Spaltung und Doppelung, Materialität und Immaterialität, Erscheinen und Verschwinden. Das Gespenstische ist nicht notwendigerweise an die Affekt-Ökonomie des Unheimlichen oder des Schreckens gebunden, sondern es durchwirkt auch die Bereiche von Trauer und Melancholie, Erbe und Zukunft, Utopie und Tod. Es besetzt Körper, Orte und Objekte, ohne mit ihnen, noch mit sich selbst identisch zu sein. Es zeigt sich, um gleichsam verborgen zu bleiben.

Das Symposium untersucht das Gespenstische als Denk- und Erfahrungsmodell zur Auseinandersetzung mit offenen Fragen zu Politik und Ökonomie, Körperlichkeit und Medialität, sowie als Darstellungsdispositiv in der Ästhetik, in Theater, Film, Literatur und Bildender Kunst. Die Tagung geht von der These aus, dass die Figuren des Gespenst und des Gespenstischen im Kontext kritischer Theoriediskurse, als epistemologisches und methodisches Korrektiv fungiert, das insbesondere im Kontext von Krisenherden auftaucht, nämlich dann, wenn die soziokulturelle, politische und ökonomische Realität nicht mehr nach konventionellen Definitionen, Kategorien und Bezugssysteme erfasst werden kann. Die Einladung, ein Abstract einzueichen, erfolgt an WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, den kulturwissenschaftlichen Fächern wie auch aus Sozial- und Politikwissenschaft. Das Symposium versteht sich als Plattform zum interdisziplinären Austausch über die Politiken, Darstellungsformen, Medien und Wahrnehmungsmodalitäten des Gespenstischen.

Die Auseinandersetzung mit dem Gespenstischen orientiert sich an folgenden Schwerpunkten (ist jedoch keineswegs darauf festgelegt):
- Gespenster und Politik
- Gespenster und Ökonomie
- Gespenster und Körperlichkeit
- Gespenster und Medialität
- Gespenster und Ästhetik (Theater, Medienkunst, Film)
- Gespenster und Populärkultur

Was kann es bedeuten, dem in der Überschrift zitierten Plädoyer Jacques Derridas zu folgen und mit den Gespenstern zu leben? Welches politische, ethische und ästhetische Potential birgt dieser umgangslose Umgang mit Gespenstern? Was charakterisiert die Darstellungs- und Wahrnehmungsmodalitäten des Gespenstischen? Worin liegt seine Funktion und Bedeutung für die Künste?
Kann das Gespenst stets als subversive Kraft beschrieben werden, das auftaucht, um die bestehende Ordnung in Frage zu stellen oder eignet sich diese Metapher auch zur Analyse von Machtdynamiken, deren Wirkung sich unsichtbar, unabhängig von einzelnen Akteuren und bewusst gesetzten Handlungen, an Körpern und Orten entfaltet? Diese und andere Fragen werden Leitfäden der Auseinandersetzung sein.

Das Symposium findet im Künstlerhaus Mousonturm statt, begleitend werden auch Theater- und Performancearbeiten gezeigt werden, so dass auch jener Ort thematisiert wird, der spätestens seit der griechischen Antike als Schauplatz des Gespenstischen und somit als Ort zur Entfaltung einer Politik des Gedächtnisses fungiert: das Theater.