Justus-Liebig-Universität GießenInstitut für Angewandte Theaterwissenschaft
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Communications: Dance, Politics, and Co-Immunity


Internationales Symposium (11. bis 14. November 2010)

organisiert vom M.A.-Studiengang "Choreographie und Performance"
am Institut für Angewandte Theaterwisenschaft, Justus-Liebig Universität, Gießen
(Prof. Dr. Gerald Siegmund)

KONZEPT
Homepage der Tagung

Das internationale Symposion "Communications" widmet sich der Frage, inwiefern Tanz, sowohl in seiner Geschichte, als auch in seinen zeitgenössischen Ausprägungen, eng mit Konzepten des Politischen verknüpft ist. Während in diesem Kontext Politik die Reproduktion von hegemonialen Machtverhältnissen innerhalb von bereits instituierten Strukturen ist, verweist das Politische dage-
gen auf jene Praktiken, die den Raum der Politik selbst in Frage stellen, indem sie etwas in ihn einzuschreiben vermögen, was zuvor keinen Ort hatte. Deshalb ist das Politische per definitionem eng verknüpft mit der Idee von Choreographie im wörtlichen Sinne. Denn die Praxis des Choreographierens besteht wesentlich darin, Körper und ihre Beziehungen in einem Raum zu verteilen. Sie ist eine Aufteilung von Teilen, die im Feld des Sichtbaren und Sagbaren den Körpern Positionen zuweist. Aber in einer Konfrontation der Körper und ihrer Beziehungen kann auch eine Neuanordnung der Positionen stattfinden. In dieser ununterbrochenen Aufteilung und Neuanordnung des Sinnlichen (Jacques Rancière), die den Körper gliedert, zerteilt und mit der symbolischen Ordnung einer Gesellschaft verbindet, liegt das kritische Potential der Tanzkunst, das Interventionen in hegemoniale Diskurse und herrschende Aufteilungen erlaubt. Im öffentlichen Raum des Theaters, dessen Charakteristikum die Teilung zwischen Bühne und Zuschauerraum ist, vermag der Tanz also nicht nur die Körper aufzuteilen, sondern auch das zu teilen und verteilen, was eigentlich unteilbar ist: Das Miteinander der Körper ebenso wie ihrer Wörter und der Dinge, die sie hervorbringen.

Der Begriff der Politik erlebt im philosophischen Diskurs der letzten Jahre eine Renaissance. Einerseits wurde das Verschwinden der Politik konstatiert (Alain Badiou), andererseits ihre Wiederkehr und Integration in die Soziabilität proklamiert (Nicolas Bourriaud). Und dazwischen gab es Stimmen, die wiederum der politischen Philosophie selbst vorwarfen, an der Zementierung von Zuständen der immer reineren Verwaltung teilzunehmen (Colin Crouch, Chantal Mouffe, Jacques Rancière). Im Zuge dieser Diskussion wird die Frage nach dem, was unter Demokratie zu verstehen sei, immer virulenter: Die jüngsten Ereignisse im Bereich der Wirtschafts- und Weltpolitik legen nahe, dass die Entwicklung, die Michel Foucault in seinen Vorlesungen von 1977 bis 1979 als Gouvernementalisierung des gesellschaftlichen Zusammenhangs bezeichnete, weiter fortschreitet. Während die Bürger vieler Staaten der einen Welt nun ungefragt zu gemeinsamen Trägern von unabschätzbaren Risiken und freien „Steuerunternehmern“ geworden sind, werden die Grenzen zu anderen Welten immer rigider geschützt. Dies zeigt sich sowohl in Gestalt überquellender Flüchtlingslager vor der italienischen Küste als auch an sich mehr und mehr in Hochsicherheitstrakte verwandelnden Flughäfen, in denen Körper massenweise - bis in ihre Mikrostrukturen hinein - von technischen Apparaten untersucht und verbucht werden. Solche Abschottungen verhindern, bei gleichzeitig freiwilliger Deterritorialisierung der einen, für einen anderen, sehr viel größeren Teil der Weltbevölkerung, das Eindringen in einen Raum, dessen Eigenschaften verstärkt in Qualitäten wie Beschleunigung, Vermehrung der Verkehrswege und Informatisierung auszumachen sind. Dabei verquicken sich neoliberale Machtdispositive mit Techniken der Sicherheit und Einzäunung von Räumen, Diskursen und Körpern, um deren allumfassende Gesundheit sich eher gesorgt wird als um mögliche gemeinsame Lebensformen.

Mit der Renaissance des Politischen einher geht die Wiederbelebung eines lange Zeit diskreditierten Begriffs: Der der Gemeinschaft. Ist Gemeinschaft, gerade in der deutschen Tradition seit Ferdinand Tönnies, oft der Gesellschaft in romantischer Weise entgegengesetzt worden, so erscheint sie heute - u.a. in den Schriften von Jean-Luc Nancy und Roberto Esposito - als möglicher Ort, nicht des einfachen Widerstands gegen den Lauf der Dinge, sondern als deren ständig neue Verhandlung und Aufs-Spiel-Setzung im Streitgespräch zwischen Gleichen. Obwohl also die gegenwärtigen Umwälzungen überall auf der Welt zunehmend asymmetrische Verhältnisse zwischen den Menschen etablieren, ist es gerade das Postulat der Gemeinschaft der Gleichen, welches sie unterwandern kann.

Vor dem hier skizzierten Hintergrund stellt sich für die Tanzkunst die Frage, wie mit dem tanzenden Körper im öffentlichen (Bühnen-)Raum Politik gemacht wird und wurde und wann er politisch war und ist. Das Symposion fragt nach theoretischen Modellen, historischen Konstellationen, zeitgenössischen Experimenten und praktischen Auswirkungen, die das Verhältnis von Tanz und Politik beleuchten. Wie sieht die Gliederung und Zerteilung des Körpers oder der Körper in bestimmten Tanzformen - wie etwa dem Hofballett des 17. Jahrhunderts, dem romantischen Ballett des 19. Jahrhunderts und dem Ausdruckstanz der Weimarer Republik - aus? Welche der historischen Aufbrüche des Tanzes waren eng verbunden mit politischen Kontexten, die ihn als kritisches Moment herausforderten, unterbanden oder sich sogar mit ihm verbündeten, um die Anordnung der Körper im gesellschaftlichen Raum auf der Bühne des Theaters anders darzustellen und neu zu verhandeln? Wie gestaltet sich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Körper in Zeiten seiner (repräsentativen und genetischen) Reproduzierbarkeit und der massenmedialen Vervielfältigung seiner Bilder? Wie ist deshalb das Verhältnis von Körpern und Texten neu zu definieren? Gibt es tänzerische und choreographische Praktiken, die spektakuläre Strukturen zu unterlaufen vermögen? Wie denken die Künstler selbst über ihre ästhetische Praxis nach, und welchen Einfluss hat dies auf die Wahl ihrer Mittel? Welche Auswirkungen hat ein solches Denken auf die institutionellen Arbeitsweisen und die Praktiken der Künstler?

Im Rahmen von „Mitteilungen“ sollen sich die Referenten aus tanz- und theaterwisenschaftlicher, historischer, philosophischer und soziologischer Sicht dem Zusammenhang zwischen Politik, Gemeinschaft, Tanz und Globalisierung annehmen. Ein Schwerpunkt soll dabei auf der Erörterung der jüngeren Tendenzen im zeitgenössischen Tanz und dessen Hervorbringung von neuen Räumen der Kollaboration und des Austauschs liegen. Gegenwärtige Strömungen sollen in ihren unterschiedlichen Facetten zu historischen Kontexten in Bezug gesetzt und der Frage nachgegangen werden, was am Tanz nicht nur politisch sein kann, sondern auch zur Umformulierung dessen beiträgt, was von ...konomen Verweltlichung der Welt genannt wird. Parallel dazu ist es Ziel der Veranstaltung, nach praktischen Antworten zu suchen, also Arbeiten ausgewählter Tanzschaffender, die sich explizit mit eben jenen Themen befassen, in das Programm des Symposions einzufügen.

Neben bereits etablierten Künstlern wie Xavier le Roy und Mette Ingvartsen soll es auch darum gehen, einer jüngeren Generation das Wort zu geben. Aus diesem Grund sollen Produktionen anderer Städte bzw. Ausbildungsinstitutionen, deren Programme während der letzten Jahre von Tanzplan Deutschland finanziert wurden, eingeladen werden, um auszuloten, in welcher Relation sich auch jüngere Tanzschaffende zu verschiedenen politischen Entwicklungen begeben und sie in ihre Arbeiten einfliessen lassen. Der Titel paraphrasiert dabei nicht ohne Zweck einen Text von Roberto Esposito, der in seiner Trilogie Communitas-Immunitas-Bios den Versuch unternimmt, die Reziprozität zwischen ...ffnung und Selbstabschottung – von gesellschaftlichen Systemen ebenso wie von Körpern – produktiv zu denken und entlang dieser beiden Parameter das Politische nicht neu zu erfinden, wohl aber neu zu denken, nämlich als Moment der Durchdringung von Gemeinschaft und Immunität, in jenem Zwischenbereich, in dem sich das Leben eine Form gibt, um allen Körpern ihr Überleben zu schenken.

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Die Veranstaltung "Communications: Dance, Politics, and Co-Immunity" wird ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch Tanzplan Deutschland/Eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie wird unterstützt im Rahmen der Hessischen Theaterakademie (HTA) und ist eine Kooperation mit dem International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC).