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Figur eines „Papua-Kriegers“

Text von Britta Lange

In der Ausstellung „Ware und Wissen“ (16.1.2014-4.1.2015) war eine historische Figur aus Pappmaché, damals benannt als „Papua-Krieger“ aus Neuguinea, gleich in vierfacher Ausführung zu sehen – in der Installation „Wir Alle“ der Künstlerin Peggy Buth im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main.[1] Sie stellte damit die Tatsache aus, dass Menschen aus den sog. Deutschen „Schutzgebieten“ während der deutschen Kolonialära oft als Objekte im Sinne der Nicht-Subjekte, als Humankapital im Sinne der Arbeitskraft und als wissenschaftliche Forschungs- sowie populäre Schauobjekte behandelt wurden. Während diese Zusammenhänge, die Überschneidungen und Allianzen von politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen in der Kolonialära, in der Installation nicht explizit thematisiert wurden, zeigte sie, dass wirtschaftliches und kulturelles Kapital solcher Objekte insofern potenziert wurde, als die Waren ebenso wie die musealen Schauobjekte vervielfacht wurden.

Die Schaufigur, die der Gründer und erste Direktor des Frankfurter Völkerkundemuseums Bernhard Hagen (1853-1919) dort aufstellen ließ, ist eine von vielen solcher ethnografischen Modellfiguren, die verstärkt ab etwa 1890 auf Gewerbe- und Kolonialausstellungen, aber auch in anthropologischen Zusammenhängen und ethnografischen Museen im Deutschen Reich präsentiert wurden. Alleine die Hamburger Firma J.F.G. Umlauff, die auch die Figur für Hagen herstellte, bot in ihrem Katalog von 1909 bereits über 50 verschiedene „völkerkundliche Modellfiguren“ an.[2] Die Geschichte des unter Nr. 53 angebotenen „Papua-Krieger, Neu Guinea“ lässt sich in Ermangelung eines Firmenarchivs nur im Rückgriff auf Korrespondenzen mit den Auftraggebern und Ankäufern der Figur sowie Veröffentlichungen ermitteln.

Bernhard Hagen war Tropenmediziner und arbeitete von 1893 bis 1896 als Arzt der Astrolabe-Kompanie in Bogadjim (damals Stephansort genannt) an der Nordküste Papua-Neuginea (damals als deutsches Schutzgebiet bereits Kaiser-Wilhelm-Land genannt, bevor es 1899 in den deutschen Kolonialbesitz überging). Er war also als Teil einer deutschen Kolonialgesellschaft und somit des kolonialen Verwaltungssystems (die Astrolabe-Kompanie ging 1896 in der Neuguinea-Kompanie auf). Neben seiner Tätigkeit als Arzt schrieb er ethnografische Beobachtungen über Land und Leute und fotografierte. Seinem Buch Unter den Papua’s (1899) zufolge machte er sich den „vornehmen Papua-Krieger Kubai“ zum Freund. Darin veröffentlichte er das vor dem Haus des ansässigen Missionars aufgenommene fotografische Ganzkörperporträt von „Herrn Kubai“, einem wohlhabenden Hauptmann aus Bogadjim, im „malerische[n], aber barbarische[n] Schmuck„.[3] Ein Porträt desselben hatte er mit der Bildunterschrift „Mein Freund Kubai“ versehen, die Kubai vor allem der Gewährsmann für Hagens Feldforschungen ausweist, ihn als „edlen Wilden“ einordnet und von den jenen „Barbaren“ abgrenzte, als die viele der kolonialisierten Menschengruppen damals galten. Zu dem von ihm gemachten Fotos fügte Hagen an: „Dagegen hätte ich beinahe vergessen auszuführen den Nasenpfeil, Managschim, den sich Herr Kubai noch einsteckte, als er Toilette für die photographische Aufnahme machte. Für gewöhnlich, im alltäglichen Leben, trägt man denselben nämlich wenig. […] Schließlich hat Herr Kubai ein Uebriges gethan und durch Einstecken einiger Büschel getrockneter, wohlriechender Blätter in seine Armringe das nöthige Parfüm nicht vergessen hat.“[4] Dieses Zitat macht deutlich, dass die Szenen für das Fotografieren eigens choreographiert und arrangiert wurden, dass es sich um bewusste Inszenierungen für die Kamera und ein an- wie abwesendes Publikum handelte.

Nicht zuletzt deshalb mag Hagen sich entschieden haben, nach den Fotos eine völkerkundliche Modellfigur von „Kubai“ herstellen zu lassen. Die (möglicherweise) erste öffentliche Ausstellung lässt sich für die „Deutsch-koloniale Jagdausstellung“ in Karlsruhe 1903 nachweisen[5] – zusammen mit montierten Jagdtrophäen von wilden Tieren, einer damals durchaus üblichen Präsentationsstrategie.[6] Somit ist wahrscheinlich, dass die Firma Umlauff die erste Figur des Kubai bald nach dem Erscheinen von Unter den Papua‘s, vielleicht 1901 oder 1902 herstellte. Ob Hagen selbst den Auftrag zur Herstellung der Modellfigur erteilte, ist bisher unklar. Ihr Entstehen kurz vor Gründung des Völkerkundemuseums in Frankfurt jedoch mag Hagen genutzt haben, um anschaulich auf seine empathischen Forschungen über Papua-Neuguinea zu verweisen. Im Jahr 1904 bot die Firma Umlauff Hugo Ficke, Leiter des Museums für Völkerkunde in Freiburg, ein Exemplar des „Papua-Kriegers“ vermutlich zusammen mit einem Foto der bemalten und angekleideten Figur an. Sie teilte dazu mit, dass die Statue nach einer Fotografie Hagens von einem Berliner Bildhauer namens Franke modelliert worden sei, dessen Statue wiederum Umlauff zum Klischieren, wie damals das kopierende Abklatschen genannt wurde, in Pappmaché gedient hatte.[7] Ficke jedoch erschien der geforderte Preis von 400 Reichsmark ohne Ausrüstung zunächst zu hoch. Er ließ er sich von Hagen brieflich bestätigen, dass die Figur der Wirklichkeit entspräche und gut gelungen sei.[8] Erst dann kam der Ankauf einer Kopie bei Umlauff zustande.

Wie eine weitere Kopie von Kubai in das Frankfurter Völkerkundemuseum gelangte, ist nach den Recherchen von Eva Raabe, Kustodin der Ozeanienabteilung des heutigen Weltkulturen Museums, bisher nicht geklärt: Hagen kann sie angekauft haben – vorstellbar ist aber auch, dass Umlauff ihm ein Exemplar ohne Bezahlung schenkte, etwa zum Dank für die Überlassung der Fotografien. In Frankfurt wurde die Figur ab 1906 präsentiert, zunächst im Gebäude in der Münzgasse 1, später im Palais Thurn und Taxis – hier entstand auch die Postkarte von 1906, die Kubai umgeben von Objekte der materiellen Kultur zeigt und ihn – wohl namenlos – als Vertreter einer bestimmten Stufe der Kulturentwicklung vorstellte.[9] Dies entsprach der Standardpräsentation von so genannten „Völkertypen“ in völkerkundlichen Museen um 1900: Die Namen und biografischen Informationen der zu Gewährsleute aus den fernen Weltgegenden wurden gelöscht, ihre Individualität und Geschichte zugunsten der ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Exemplarität reduziert. Im Sortiment der Firma Umlauff allerdings bildete „Kubai“ später eine Ausnahme, denn sein Name und seine Daten erhöhten die Legitimität seiner Darstellung. Als einzige Figur wurde er im Angebotskatalog aus den 1920er Jahren statt unter der Bezeichnung der Ethnie unter dem Namen aufgeführt: als Individuum statt als Typ.[10] Bereits in Hagens Buch von 1899 hatte die Repräsentation Kubais ein Eigenleben begonnen, die unabhängig von jenem Menschen aus Bogadjim war, den Hagen als „seinen Freund“ bezeichnet hatte. Die Biografie der Fotografie setzte sich in die Modellfigur hinein fort, die ab 1903 in mehreren Kopien an unterschiedliche Institutionen verkauft wurde und dort in mehreren Epochen, in verschiedenen Präsentationsarten und aus verschiedenen politischen Intentionen raus der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Heinrich Umlauff stellte Klischee jeder Figur so oft wie nachgefragt her. Dadurch wurden identische „Völkertypen“ in verschiedenen europäischen Institutionen aufgestellt. Kopien des „Papua-Kriegers Kubai“ standen am Vorabend des Ersten Weltkriegs in den Völkerkundemuseen von Frankfurt am Main, im Völkerkundemuseum in Freiburg, im Lindemuseum in Stuttgart, in der Ethnografischen Abteilung des Naturkundemuseums in Stockholm, und, wie Eva Raabe recherchiert hat, in den Völkerkundemuseen in Burgdorf und St. Gallen in der Schweiz – und wahrscheinlich noch anderswo.[11] Kopien von Heinrich Umlauffs Typen zirkulierten. Da seine Menschenbilder sich durch eine Vielzahl von Museen verbreiteten, hatte er, auf der Basis des technischen Klischierens auch Anteil an der Verbreitung von kulturellen Klischees.

So wurden Kubai-Figuren in den späten 1920er und 1930er Jahren im Rahmen von Kolonialausstellungen gezeigt, als der Kolonialrevisionismus erstarkte und wieder aktiv Kolonialpropaganda betrieben wurde, um die inzwischen historische Ära der deutschen Kolonialherrschaft zu verklären, aber auch eine erneute Kolonialisierung dieser und anderer Gebiete zu imaginieren. Die erste große Kolonialausstellung nach dem verlorenen Weltkrieg präsentierte sich 1928 in Stuttgart unter Beteiligung des Lindenmuseums, das mehrere Dioramen, dreidimensional gestaltete Szenen in Lebensgröße mit gemalten Hintergründen, zu den ehemals kolonialisierten Gebieten zeigte. Der Rundgang begann in der „Südsee“: „Ein Blick in eine Bucht Neuguineas tut sich vor uns auf und am Strand, umgeben von üppigem Urwald, sehen wir ein riesiges Geisterhaus der Papuaner, verziert mit reichen Schnitzereien und den Giebel geschmückt mit einem großen Krokodilkopf in kunstvoller Flechtarbeit.“[12] Auch auf der Freiburger Kolonialausstellung von 1935 war die Kubai-Figur des Adelhauser Museums noch einmal zusammen mit Objekten aus der zurückbegehrten „Südsee“ ausgestellt.[13] Nach dem Zweiten Weltkrieg dürften die Schaugruppen aus den deutschen Völkerkundemuseen verschwunden und entsorgt oder in Depots eingelagert worden sein.

Ihre Wiederentdeckung als historische Darstellungsformungen begann in den 1990er Jahren im Rahmen der einsetzenden Selbsthistorisierung der ethnografischen Museen. So präsentierte das Adelhauser Museum seine Kubai-Fugur anlässlich des 100-jährigen Jubiläums 1995 nicht mehr als „edlen Wilden“, sondern als „Prototyp der europäischen Vorstellung von den ,Wilden‘“ .[14] Die Figuren wurden sozusagen als Meta-Objekte wiederentdeckt, als Belege für vergangene koloniale, rassistische, sexistische, wissenschaftliche oder pseudo-wissenschaftliche Perspektiven um 1900 – und zugleich als Beispiele historischer Ausstellungsformen. Ihre wissens- und wissenschaftshistorische Einordnung dagegen fehlt heute noch weitgehend – ebenso wie konstruktive Vorschläge zu der Frage, ob und wie die Figuren noch bzw. wieder ausgestellt werden können. Dabei kann es nicht ausreichen, die historische Darstellungsweise zu perpetuieren einschließlich der Beibehaltung des höchst wahrscheinlich falsch geschriebenen Namens von „Kubai“. Im Sinne einer postkolonialen und postimperialen Auseinandersetzung mit historischen kolonialen Ausstellungsstrategien und Wissensmustern ist es an der Zeit, einigen Dingen nachzugehen: der epistemischen Gewalt in ethnografischen Museen; der Geschichte der historischen Persönlichkeiten; jenen Fragen, die aus Neuguinea an die deutsche Vergangenheit gerichtet werden; und nicht zuletzt jenen europäischen Narrativen, die aller Kritik an der historischen Praxis zum Trotz dafür sorgen, dass koloniale Objekte und Bilder nach wie vor als Faszinosa ausgestellt werden.

Literatur

  • [1] Vgl. Peggy Buth: “,Wir Alle‘. Trauma, Verdrängung und Gespenster im Museum“, in: Ware & Wissen (or the stories you wouldn’t tell a stranger), hg. von Clémentine Deliss & Yvette Mutumba, Berlin 2014, S. 269-286.
  • [2] Vgl. J.F.G. Umlauff: Verzeichnis über Ethnographische Modellfiguren. Hamburg, November 1909. Zur Geschichte der Firma Umlauff siehe: Hilke Thode-Arora: „Die Familie Umlauff und ihre Firmen – Ethnographica-Händler in Hamburg“, in: Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg, Neue Folge, Bd. 22, 1992, S. 143-158; Britta Lange: Echt – Unecht – Lebensecht. Menschenbilder im Umlauf, Berlin: Kadmos Kulturverlag, 2006 (zur Figur des „Kubai“ bes. S. 113-117).
  • [3] Bernhard Hagen: Unter den Papua’s. Beobachtungen und Studien über Land und Leute, Thier- und Pflanzenwelt in Kaiser-Wilhelmsland, Wiesbaden 1899, S. 170-173, hier S. 172.
  • [4] Hagen 1899, S. 173.
  • [5] Offizieller Katalog der Deutsch-kolonialen Jagdausstellung, Karlsruhe 1903, 2. Aufl., Karlsruhe 30.5.1903. Raum 1: J.F.G. Umlauff (S. 38-43). I. und II. Neuguinea. 1 Figur „Neuguineamann, zum Kriegstanze gerüstet.“ (39) hier auch der Massai-Krieger (43). Vgl. http://www.ub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de/Bildprojekt/frames/hauptframe.html (letzter Zugriff 15.2.2015).
  • [6] So zeigten etwa Carl Hagenbecks Völkerschauen ebenso wie viele von Umlauffs Lebensgruppen Menschen und Tiere einer Region zusammen. Vgl. auch die Autobiografie Hagenbecks unter dem Titel Von Menschen und Tieren (1909).
  • [7] Brief Heinrich Umlauffs an Hugo Ficke vom 11.6.1904; Stadtarchiv Freiburg, D.Sm. 34/4; zit. nach Margarete Brüll: „Kolonialzeitliche Sammlungen aus dem Pazifik“, in: Als Freiburg die Welt entdeckte. 100 Jahre Museum für Völkerkunde Freiburg, Ausstellungskatalog, Freiburg/Br. 1995, S. 109-145, hier S. 138.
  • [8] Vgl. Heike Gerlach: „Der gezielte Aufbau der Sammlungen: Ankäufe von Sammlern und Händlern“, in: Als Freiburg die Welt entdeckte. 100 Jahre Museum für Völkerkunde Freiburg, Ausstellungskatalog, Freiburg/Br. 1995, S. 146-163, hier, S. 149. Ficke stattet die erstandene Figur aus dem Fundus seines Museums aus.
  • [9] Vgl. Eva Ch. Raabe: „Kubai – ein vornehmer Krieger aus Neuguinea. Die Figur eines Papua von der Astrolabe-Bai im Städtischen Völkerkundemuseum, Frankfurt am Main; http://www.journal-ethnologie.de/Deutsch/_Medien/Medien_2007/Kubai_-_ein_vornehmer_Krieger_aus_Neuguinea/index.phtml
  • [10] Vgl. J.F.G. Umlauff, Völkerkundliches Institut und Museum: Preisliste über völkerkundliche Modellfiguren, Hamburg [ca. 1925/26], Nr. 63: „Kubai“.
  • [11] Nach meinen Recherchen hat die Firma Umlauff beispielsweise 1929 eine Kubai-Figur an das Missionsmuseum in Barmen verkauft.
  • [12] Kolonial-Ausstellung Stuttgart 1928, vom 2. Juni bis 5. August auf dem Gewerbehalle- und Stadtgarten-Gelände. Heinrich Fischer: Rundgang durch die Kolonial-Ausstellung, in: Amtlicher Ausstellungsführer, Stuttgart 1928, hg. von der Ausstellungsleitung, Stuttgart 1928, S. 18-37, hier S. 20. Vgl. dazu Britta Lange: „Stuttgart: Die Kolonialausstellung von 1928“, in: Ulrich an der Heyden/Joachim Zeller (Hg.): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland, Erfurt: Sutton Verlag, S. 343-347.
  • [13] Vgl. Margarete Brüll: „Kolonialzeitliche Sammlungen aus dem Pazifik“, in: Als Freiburg die Welt entdeckte. 100 Jahre Museum für Völkerkunde Freiburg, Ausstellungskatalog, Freiburg/Br. 1995, S. 109-145. Siehe außerdem: Eva Gerhards: „Zerstückelte Wilde. Ethnographische Schaupuppen und Inszenierungen des Freiburger Museums für Natur- und Völkerkunde“, in: Wilde Denker. Festschrift für Mark Münzel, hg. von Bettina E. Schmidt, S. 313-338.
  • [14] Brüll 1995, S. 139.
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