Sacred Land, Poisoned People

Über die Folgen des Atomstroms am Beispiel Australiens

Ein Beitrag von Lea Gleixner

Während Angela Merkel und die schwarz-gelbe Koalition in Berlin versuchen, eine Verlängerung der Atomkraftwerklaufzeiten durchzusetzen, tagte vom 25.bis 30. August in Basel der 19. Weltkongress der  IPPNW, der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, unter dem Motto „nuclear abolition – for a future“ (dt.: Nukleare Abrüstung – für eine Zukunft). Die Vorkonferenz dieses Kongresses trug den Namen „Sacred Land, Poisoned People“ und hat damit nicht nur den Ursprung von Atomwaffen, sondern auch den der Atomenergie im Fokus: den Uranabbau. Sprecher bedrohter  indigener Völker und Gegner der Kernenergie kamen bei der Konferenz zusammen, um dort ihre Stimme an die Öffentlichkeit zu richten und sich mit Politikern, NGOs und anderen Vertretern zu vernetzen. Vertreter aus aller Welt waren anwesend —aus Deutschland, Kanada, USA, Niger, Mali, Namibia, Russland Indien und Australien, unter denen sich auch eine Angehörige des Aborigine-Stammes der Kupa Piita Kungka Tjuta aus Südaustralien und Repräsentanten des Mirrar-Stammes aus dem Kakadu Nationalpark in Nordaustralien befanden. Diese nutzen die Vorkonferenz, um über die Situation des Uranabbaus in Australien zu berichten.

Australien auf Platz drei beim Uranexport

Australien weckt gewöhnlich eine Menge Assoziationen, die mit Kängurus, Backpacking, Wüste oder Wein verbunden sind, kaum aber mit dem Ursprung so manchen Atomstroms auf der Welt, dem Uranabbau. Australien ist nach einer Quelle der IAEA (International Atomic Energy Agency) das Land mit den höchsten bekannten Uranvorkommen der Erde, gefolgt von Kasachstan, Russland, Südafrika, Kanada, USA, Brasilien, Namibia, Niger und anderen. Nach Kasachstan und Kanada steht Australien mit 10.000t Uranoxid pro Jahr an dritter Stelle des weltweiten Uranexports. Da sich auf australischem Boden selbst keine Kernkraftwerke befinden, wird das hochradioaktive Uranoxid an Länder wie Deutschland, Japan, USA, Frankreich, Großbritannien, Schweden und andere verkauft, wo es nach weiterer Anreicherung in den Brennstäben der Atomkraftwerke verwendet wird. Wirklich reich kann vom Uranabbau in Australien höchstens eine geringe Anzahl von Menschen werden — Uranoxid trägt zu Australiens Exporteinnahmen nur 0,32 % bei, gerade mal einem Fünftel des Weinexports. Umso größer sind jedoch die Schäden, die dafür im Land angerichtet werden. Land, das keineswegs unbewohnt, sondern seit Jahrtausenden Lebensraum der Aborigines ist.

Drei Uranminen derzeit in Betrieb

Auf dem Kontinent befinden sich derzeit fünf stillgelegte Minen, zehn Hauptlagerstätten von Uran und drei betriebene Minen, die sich zu 70% auf indigenem Boden befinden. Die Olympic Dam und Beverly Mine befinden sich in Südaustralien, während die Ranger Mine im Norden des Landes liegt. Letztere ist umgeben vom Kakadu Nationalpark bei Darwin, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Da sich die Mine zu 100% auf indigenem Land befindet, wurde den Aborigines 50% des Gewinns aus der Produktion versprochen. Ein folgenschwerer Fehler passierte hier im Jahr 1988: Nachdem etwa 450.000 t radioaktives Gestein falsch gelagert worden waren, erkrankten fast die Hälfte der Minenarbeiter an Lungenkrebs und es gab zahlreiche Miss- und Fehlgeburten unter der dort lebenden indigenen Bevölkerung.

Der Bau der Beverly Mine in Südaustralien wurde 1982 noch von der südaustralischen Regierung verboten, 1999 dann doch genehmigt. Das Land, auf dem sich diese Mine befindet, gehört ursprünglich vier Aborigine-Stämmen, mit welchen daher ein Abkommen geschlossen wurde, das besagt, dass diese genau 2% des jährlichen Erlöses der Mine erhalten sollen. Nach offiziellen Angaben ist die Mine nicht mit dem Grundwasserreservoir oder dem Großen Artesischen Becken verbunden, was von Umweltschützern allerdings heftig bestritten und angezweifelt wird.

Die Olympic Dam Mine befindet sich bei Roxby Downs, einer Kleinstadt mit 4000 Einwohnern, die 1987 ausschließlich für Minenarbeiter und ihre Familien errichtet wurde. Der Bergbaufirma BHP Billiton wird es durch einen Erlass, dem „Roxby Downs Identure Ratification Act 1982“, ermöglicht, auf legale Weise mehrere Gesetze zu umgehen, u.a. den „Aboriginal Heritage Act 1988“, den „Environmental Protection Act 1993“ und den „Water/Natural Resources Act 1997/2004“, deren Aufgabe es ist, die indigene Bevölkerung, die Umwelt und insbesondere die Wasservorkommen Australiens zu schützen. Mithilfe dieser Gesetzesumgehung kann die Mine jeden Tag die zur Urangewinnung benötigte riesige Menge von 35 Millionen Liter Wasser aus dem Großen Artesischen Becken beziehen. Das Große Artesische Becken ist ein uraltes, fossiles, unterirdisches Wasserreservoir, welches tief unter dem Zentrum des australischen Kontinents liegt und sich bis in den Norden Queenslands erstreckt. Die Endlichkeit fossiler Reserven ist unbestritten und in einem Land, in dem im Sommer mitunter das Bewässern von Vorgärten verboten ist und in dem die Bewohner zu 5-Minuten-Duschen ermahnt werden, bleibt es fraglich, mit welchem Recht sich die Minengesellschaft BHP Billiton, welche Olympic Dam betreibt, dieser fossilen Wasservorräten bedienen kann.

Kontamination von Boden, Luft und Wasser

Abgesehen von der Tatsache, dass große Bergbaufirmen in Australien den Uranabbau größtenteils auf indigenem Land betreiben und die Aborigines dafür kaum entschädigen, richten sie außerdem Schäden an der Umwelt an, die irreparabel sind. Das hat große Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensweise der indigenen Bevölkerung: Aborigines leben nicht nur auf, sondern auch von und mit ihrem Land. Sie essen das, was sie selbst züchten, jagen oder sammeln können. Besonders abhängig sind Aborigines von natürlichen Wasservorkommen und Pflanzen, wie z.B. der „Bushtucker“. Der Uranabbau gefährdet die Umwelt in den jeweiligen Regionen Australiens jedoch aufs Äußerste gefährdet. Der Gesteinsabfall der Uranminen, wird zu Abraumhalden aufgeschüttet, die noch 80% der ursprünglichen radioaktiven Strahlung des Gesteins enthalten. Radioaktive Materialien, die zuvor sicher unter der Erde im Gestein lagerten, werden durch den Bergbau aufgebrochen und zu Tage befördert. So kommen diese Materialien in Verbindung mit Chemikalien, die beim Uranabbau verwendet werden, in Kontakt mit der Biosphäre und sie verseuchen die Luft, den Boden und das Wasser. Die Qualität sowohl von Oberflächengewässern, wie Bächen und Flüssen, als auch von unterirdischen Wasserreserven wird weitreichend beeinflusst. Das Edelgas Radon, welches als ein Spaltprodukt von Uran in den Minen vorhanden ist, wird als Ursache für Lungenkrebs und weitere Folgekrankheiten des Uranbergbaus wie Leukämie, Magen-, Leber-, Darm- und Hautkrebs angesehen. Die radioaktive Strahlung in umliegenden Dörfern und Städten nahe von Minen ist meist noch so hoch, dass dort vermehrt Fälle von Geburtsfehlern, Kindersterblichkeit, chronischen Lungen-, Haut-, Augenkrankheiten, sowie Unfruchtbarkeit auftreten.

Tatbestand der Menschenrechtsverletzung

Claus Biegert, Mitveranstalter der Vorkonferenz „Sacred Land, Poisoned People“ in Basel sieht die Auswirkungen des weltweiten Uranabbaus als Tatbestand der Menschenrechtsverletzung an. Biegert zufolge unterschlagen nicht nur die Verantwortlichen diese Tatsache, sondern auch die Medien vernachlässigten die Thematik. Es bleibt zu hoffen, dass das Zusammentreffen internationaler Abgesandter in Basel das Medieninteresse geweckt hat und langfristige Nachwirkungen mit sich bringt. Denn der derzeitige Streit um die Zukunft der Atomenergie spielt sich in Wirklichkeit nicht allein in Deutschland ab, sondern betrifft Völker auf der ganzen Welt, die mit den Folgen des Uranabbaus zu kämpfen haben. Das ist eine Tatsache, an der keine Atomlobby rütteln und die keine Gegenstudie entkräften kann.

Mehr Informationen zum Uranabbau in Australien: www.nukingtheclimate.com

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