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de:ueber_hessen_post_kolonial:kolonialzeit

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de:ueber_hessen_post_kolonial:kolonialzeit [2015/05/05 10:00] (aktuell)
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 +====== Kolonialzeit ======
  
 +===== 1. Phasen =====
 +Die Vorläufer der kolonialen Expansion des Deutschen Kaiserreiches reichen bis in die Frühe Neuzeit zurück. Die Ersterschließung der späteren deutschen Schutzgebiete war nicht staatlich veranlasst (z.B. militärische Eroberung), sondern erfolgte durch private Akteure ("men on the spot"​). Erst im Jahr 1884, als die Gebiete Südwestafrika,​ Togo, Kamerun und Ostafrika unter "​deutschen Schutz"​ gestellt wurden, begann das Deutsche Kaiserreich eine aktive Kolonialpolitik zu betreiben. Wie der Begriff "​Schutzgebiete"​ andeutet, sollten die Kolonien nicht als staatliche Verwaltungsgebiete,​ sondern unter der politischen Kontrolle privater Organisationen (z.B. Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft) verwaltet werden. Insgesamt waren diese jedoch mit der Errichtung eines funktionsfähigen Herrschaftssystems,​ der "​Pazifizierung"​ der indigenen Bevölkerung und dem Aufbau einer Infrastruktur überfordert,​ weshalb die Kolonien letztlich nach und nach der direkten Verwaltung des Reiches unterstellt wurden. Imperialistische Weltmachtsgedanken waren bei Wilhelm II. deutlich stärker ausgeprägt als bei seinen Vorgängern und bei Reichskanzler Otto von Bismarck. Abgesehen von dem chinesischen Kiautschou, einigen Pazifikinseln und einer Erweiterung Kameruns konnten aber keine nennenswerten Gebiete mehr hinzugewonnen werden. Zu einer Reformphase kam es in den Kolonien häufig erst, nachdem sich die indigene Bevölkerung gegen die "​Kolonialherren"​ aufgelehnt hatte.
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 +===== 2. Ereignisse =====
 +Auf der Berliner Kongokonferenz 1884/85 verhandelten die Vertreter von 14 europäischen Staaten über die zukünftige Aufteilung Afrikas. Durch die abschließende Kongoakte wurden die bisherigen Erwerbungen "​legitimiert"​ und zukünftige Einflussgebiete umrissen. Zur Geschichte der deutschen Kolonial- und Schutzgebiete zählen auch einige Aufstände (Aufstand der Herero und Nama, Boxeraufstand,​ Maji-Maji-Aufstand) der indigenen Bevölkerung gegen die Fremdherrschaft,​ die jedoch mit einer genozidartigen Härte niedergeschlagen wurden. Im Ersten Weltkrieg waren die Kolonien ein Nebenkriegsschauplatz. Mit Ausnahme von Deutsch-Ostafrika,​ das militärisch bis zuletzt handlungsfähig blieb, wurden alle deutsche Besitzungen innerhalb der ersten beiden Kriegsjahre von der Entente erobert. Gemäß Artikel 119 des Versailler Vertrages musste Deutschland anschließend auf alle Rechte und Ansprüche in Bezug auf seine überseeischen Besitzungen verzichten. Kolonialrevisionistische Forderungen wurden in den 1920er und 1930er Jahren dennoch erhoben, ehe sich deutsche Expansionsziele in den frühen 1940er Jahren eher auf den europäischen Osten konzentrierten. ​
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 +===== 3. Räume =====
 +Sieht man von den frühneuzeitlichen Vorläufern ab, so startete die deutsche Kolonialexpansion verhältnismäßig spät. Dennoch bildeten die deutschen Schutzgebiete im Vergleich der Kolonialmächte das flächenmäßig viertgrößte und bevölkerungsmäßig fünftgrößte Gebiet. Die Besitzungen konzentrierten sich auf zwei Räume: Afrika und die Inselwelt des Pazifik (Ozeanien). Zu den Gebieten in Afrika zählten im Einzelnen: Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Togo, Kamerun, Kapitai und Koba, Mahinland, Deutsch-Ostafrika,​ Deutsch Witu und Deutsch-Somaliaküste. Zu den Gebieten im Pazifik zählten unter anderem Deutsch-Neuginea,​ Kaiser-Wilhelms-Land,​ das Bismarck-Archipel,​ die Inselgruppe der Marianen, Palau und Samoa. Wenngleich die koloniale Aufteilung Afrikas kaum Rücksicht auf bestehende politische Einheiten nahm, überdauerten die neu geschaffenen Grenzen die Zeit der Fremdherrschaft weitestgehend.
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 +===== 4. Motive und Akteure =====
 +Reichskanzler Bismarck stand einer kolonialen Expansion zunächst kritisch gegenüber, weil er die politischen Kosten der Kolonien höher als deren wirtschaftlichen Nutzen einschätzte. Die Frage, warum es dennoch zu einem Umschwenken in der kolonialen Frage kam, wurde in der Forschung unter Berücksichtigung eines innenpolitischen Problemdrucks,​ des Drängens einer kolonialenthusiastischen Lobby oder der bevorstehenden Reichstagswahl beantwortet. Aber auch ein Sozialimperialismus,​ also die Ableitung sozialer Spannungen aus dem Mutterland an die Peripherie (z.B. die Reduzierung der Arbeitslosigkeit durch Auswanderung) sowie Faktoren wie Prestigegewinn im Äußeren, der Gewinn von Militärbasen und von Absatzmärkten spielten eine Rolle. Erste kolonisationsenthusiastische Vereine waren bereits in den 1840er-Jahren gegründet, erste Forderungen nach einer deutschen "​Weltpolitik"​ schon um 1848 erhoben worden. Einzelpersonen wie Adolf Lüderitz, Carl Peters oder Gustav Nachtigal stachen zudem durch ihr Engagement in den Kolonien und ihre politische Lobbyarbeit zugunsten eines Erwerbes heraus.
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 +===== 5. Rechtfertigungen =====
 +Die Bevölkerungen der Kolonien besaßen im eurozentrischen Weltbild der Kolonialisten kein Recht auf Selbstbestimmung. Im Gegenteil: Der kolonialen Idee war der Gedanke einer "​legitimen"​ Fremdherrschaft,​ Missionierung und "​Zivilisierung"​ inhärent, die auf eine vollständige Akkulturation der Kolonie in die Werteordnung des "​Mutterlandes"​ abzielte.
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 +===== 6. Einführungsliteratur (Auswahl) =====
 +  * Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte. 2. Aufl. München 2012.
 +  * Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien. 6. Aufl. Paderborn 2012.
 +  * Dirk van Laak: Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert,​ München 2005.
 +  * Jürgen Osterhammel/​Jan C. Jansen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. 7. Aufl. München 2009.
 +  * Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte,​ Stuttgart 2006.
 +  * Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte,​ Frankfurt/​Main 2013.
de/ueber_hessen_post_kolonial/kolonialzeit.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)