Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


de:personen:politiker_und_propagandisten:johann_joachim_becher

Johann Joachim Becher

Initiator des Projektes „Hanauisch-Indien“

Johann Joachim Becher (* 6. Mai 1635 in Speyer; † Oktober 1682 in London) war ein deutscher Gelehrter, Ökonom und Alchemist. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Merkantilisten. Bevor Becher in den Dienst Kaiser Leopolds I. trat, war er von 1669 bis 1670 kurzzeitiger Berater von Graf Friedrich Casimir von Hanau und Initiator des Projektes „Hanauisch-Indien“.

Aktivitäten als Wirtschaftsexperte und Projektleiter

Johann Joachim Becher, Professor der Medizin in Mainz, besaß an den deutschen Höfen einen gewissen Ruf als Staatswissenschaftler, Wirtschaftsexperte und Projektplaner. Neben seiner Tätigkeit als Hofchemiker des Kurfürsten von Bayern und kaiserlicher Kommerzienrat war er auch Betreiber einer Seidenmanufaktur in Wien und Gründer einer Fabrik in Mannheim. Außerdem regte er zum Anbau von Kartoffeln, Tabak und Zuckerrohr an und plante eine Kanalverbindung zwischen Main und Donau. Auch Erfindungen wie der mechanische Webstuhl, eine hölzerne Strumpfwirkmaschine oder ein hölzerner Blasebalg machten ihn bekannt.

Das Projekt „Hanauisch-Indien“

Der Hanauer Graf Friedrich Casimir gelangte im Mai 1669 durch Vermittlung des schwedischen Barons Skyette in Kontakt zu Becher. Dieser sollte ursprünglich die technische Leitung seines neuen hanauischen Forschungszentrums „Sophopolis“ übernehmen. Doch Becher lehnte das teure Wissenschaftsprojekt ab und schlug stattdessen den vermeintlich rentableren Erwerb von überseeischen Kolonien vor. Friedrich Casimir ließ sich schnell von diesem Plan überzeugen, da Hanau durch den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden hoch verschuldet und ein erhoffter Wirtschaftsaufschwung dringend notwendig war. Am 19. Juni 1669 wurde Becher von Friedrich Casimir zum Geheimen Rat ernannt, zwei Wochen später verhandelte er in Amsterdam mit der dortigen Westindien-Kompanie. Nach einem Monat kehrte er mit einem Vertrag über ein Lehen von etwa 3.000 m² zurück nach Hanau. Friedrich Casimir ließ den Vertrag bei einem Fest ratifizieren und plante die Ernennung Bechers zum Gouverneur der Kolonie. Doch die übrigen hessischen Adligen zeigten sich weniger begeistert. Schon ein Jahr später wurde Friedrich Casimir wegen vermeintlichen „Realitätsverlusts“ politisch entmündigt, indem er unter die kaiserliche Kommission gestellt wurde. Becher reiste währenddessen unter dem Vorwand ab, er werde dringend in München und Wien gebraucht. Noch im selben Jahr trat er in den Dienst Kaiser Leopolds I.

Nachwirken

Johann Joachim Becher galt im 17. Jahrhundert als Genie, im 18. eher als Scharlatan und im 19. wiederum als Mitbegründer der modernen Nationalökonomie. Damit wird er als eine Art Vorläufer von Adam Smith betrachtet. Es ist wohl primär seiner Person zu verdanken, dass das Projekt „Hanauisch-Indien“ nicht in völlige Vergessenheit geriet.

Literatur

  • Online-Auftritt Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.: Hanauisch-Indien.
  • Heinrich Volberg: Deutsche Kolonialbestrebungen in Südamerika nach dem Dreissigjährigen Kriege, insbesondere die Bemühungen von Johann Joachim Becher, Köln/Wien 1977.
  • Fritz Wolff: „Schlauraffenland am Orinoko“. Die karibische Affäre des Grafen Friedrich Kasimir von Hanau, in: Martin Maria Schwarz/Ulrich Sonnenschein (Hg.): Hessen Vergessen. Orte ohne Erinnerung, Marburg 2003.
de/personen/politiker_und_propagandisten/johann_joachim_becher.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)