Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


de:personen:politiker_und_propagandisten:graf_friedrich_casimir_von_hanau

Graf Friedrich Casimir von Hanau

Verantwortlicher des Projektes „Hanauisch-Indien“

Friedrich Casimir von Hanau (* 4. August 1623 in Buchsweiler; † 30. März 1685 in Hanau) war ab 1641 Graf seines Hauses Hanau-Lichtenberg, ein Jahr darauf auch Graf von Hanau-Münzenberg.

Seine Regierungszeit war geprägt durch einige erfolglose Projekte, wie zum Beispiel das einer Akademie der Wissenschaften und Künste „Sophopolis“, die in Hanau gegründet werden sollte. Höhepunkt seiner Fantasien war die Gründung von „Hanauisch-Indien“, einer Kolonie am Orinoco an der Nordküste Südamerikas. Wegen diesem Vorhaben wurde er schon zu Lebzeiten im Volk als „König von Schlaraffenland“ verspottet.

Idee von „Hanauisch-Indien“

Die Idee stammt von Johann Joachim Becher, der am 19. Juni 1669 zu Friedrich Casimirs Geheimem Rat ernannt wurde. Der Mainzer Professor der Medizin war Anhänger des Merkantilismus, der das wirtschaftliche Wachstum eines Landes durch verstärkten Außenhandel anstrebte. Damit schien sein Vorhaben gar nicht so abwegig, wie von den Zeitgenossen angenommen. Das Projekt sollte Hanau vor einem finanziellen Zusammenbruch bewahren und den Haushalt sanieren. Denn der Dreißigjährige Krieg hatte das Land völlig zugrunde gerichtet, und selbst der Westfälische Friede 1648 führte zu weiteren wirtschaftlichen Schwierigkeiten: Hanau sollte 30.000 Taler Kriegs-und Besatzungskosten an Schweden zahlen. Nach 20 Jahren waren die äußeren Kriegsschäden zwar beseitigt, aber dies nur mit massiven Neuverschuldungen. Daher glaubte Friedrich Casimir, durch Kolonialhandel dem Dilemma entgehen zu können.

Vertragsabschluss und Gründe für das Scheitern

Friedrich Casimir schloss im Jahr 1669 mit der Niederländischen Westindien-Kompanie einen Vertrag ab und erhielt ein Gebiet von etwa 3.000 m² als Lehen. Allerdings konnte das Projekt nicht finanziert werden und endete in hohen Schulden. Überhaupt waren die Bedingungen des Vertrages nur vordergründig vorteilhaft. Die angebliche völlige Gewerbefreiheit ohne Zunft- und Monopolzwang sollte Kolonisten anlocken, doch tatsächlich behielten sich die Holländer alle Schiffstransporte von und nach Europa vor. Zudem verlangten sie unter anderem Zolleinnahmen und 40% der Steuern. Neben den mangelnden finanziellen Mitteln waren der spätere Ausbruch des Französisch-Niederländischen Krieges im Jahr 1672, das ungewohnte Klima sowie mangelnde Siedler weitere Gründe für das Scheitern des Projektes.

Dennoch war Friedrich Casimir zufrieden mit den Vertragsbedingungen und ließ ihn auf einem Fest mit großem Feuerwerk ratifizieren. Johann Joachim Becher sollte zur Belohnung Gouverneur der neuen Kolonie werden. Allerdings waren Casimirs Untertanten sowie die hessischen Adligen weniger begeistert. Sie vertraten die Ansicht, der Graf habe jeglichen Bezug zur Realität verloren. Skepsis herrschte insbesondere in Kassel; dort spielten wohl auch vertragliche Rechte auf die Erbfolge in Hanau eine Rolle.

Politische Entmündigung Friedrich Casimirs

Friedrich Casimir wurde - auch wegen anderer diffuser Ideen - schon im nächsten Jahr unter Aufsicht einer kaiserlichen Kommission gestellt. Diese politische Entmündigung und Zwangsverwaltung war von seinem späteren Nachfolger Herzog Christian II. von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld und Pfalzgräfin Anna Magdalena von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld bei Kaiser Leopold I. erwirkt worden. Sie erreichten eine Mitregentschaft und ein Vetorecht gegen Entscheidungen des Grafen. Dabei wurden sie vom Militär der Landgrafschaft Hessen-Kassel unterstützt. Die Berater des Grafen, darunter Johann Joachim Becher, wurden entlassen. Der Regierungs- und Kammerpräsident Johann Georg Seyfried, der später als „von Edelsheim“ geadelt wurde, trat an ihre Stelle.

Eine tiefgreifende Wende der finanziellen Situation in der Grafschaft Hanau blieb allerdings auch in der Folge zunächst aus. Friedrich Casimir starb am 30. März 1685 in Hanau und wurde dort in der lutherischen Johanneskirche beigesetzt.

Beinahes Vergessen des Projektes

Mit dem Tod Friedrich Casimirs geriet das Projekt „Hanauisch-Indien“ in Vergessenheit. Das damalige Gebiet ist heute Teil des französischen Übersee-Departements Guyana. Schon 1672 wurde es von Frankreich im Eroberungskrieg des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. gegen Holland besetzt. Von einem Hanauer Kolonialherren ist selbst im Archiv von Cayenne nichts überliefert.

Einen förmlichen Verzicht gab es weder durch Friedrich Casimir oder einen seiner Rechtsnachfolger noch durch die Landgrafen und Kurfürsten von Hessen (Hanau kam 1736 im Erbgang an Hessen). Auch die preußischen Könige oder das Deutsche Reich erhoben nach dem Ende der Monarchie 1918 keinen Anspruch darauf.

Die Erinnerung an die ehemalige hanauische Kolonie ist wohl vor allem Johann Joachim Becher zu verdanken, einer Person, die im Laufe der Jahrhunderte lebhaft diskutiert wurde. Im 19. Jahrhundert wurde Becher als Begründer der modernen Nationalökonomie wiederentdeckt und als eine Art Vorläufer von Adam Smith betrachtet.

Literatur

  • Gerhard Bott: Graf Friedrich Casimir von Hanau (1623-1685). Der „König vom Schlaraffenland“ und seine Kunstschätze, hg. von den Städtischen Museen Hanau, Hanau 2015.
  • Online-Auftritt Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.: Hanauisch-Indien.
  • Ferdinand Hahnzog: Hanauisch-Indien einst und jetzt. Hanau 1959.
  • Ferdinand Hahnzog: Die Kalkulation von „Neu-Teutschland“ oder „Hanauisch-Indien''. Hanauer Geschichtsblätter 17,1960 S. 93-114.
  • Fritz Wolff: „Schlauraffenland am Orinoko“. Die karibische Affäre des Grafen Friedrich Kasimir von Hanau, in: Martin Maria Schwarz/Ulrich Sonnenschein (Hg.), Hessen Vergessen. Orte ohne Erinnerung, Marburg 2003, S. 81-85.
de/personen/politiker_und_propagandisten/graf_friedrich_casimir_von_hanau.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)