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Ernst Dieffenbach

Mediziner und Naturforscher in Neuseeland

Ernst Dieffenbach (* 27. Januar 1811 in Gießen, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt; † 1. Oktober 1855 ebenda, Großherzogtum Hessen) war ein Mediziner und Naturforscher, der 1839-1841 im Auftrag der „New Zealand Society“ als erster Europäer die Flora, Fauna und Ethnien Neuseelands erforschte. Im anglophonen Raum ist er auch als Ernest Dieffenbach bekannt.

Studium und Flucht nach Straßburg, Zürich und London

Johann Karl Ernst Dieffenbach studierte 1828-1833 Medizin an der Universität Gießen („Ludoviciana“). Er trat in die Gießener Burschenschaft „Germania“ ein und wurde Schüler von Justus Liebig. Ob er Georg Büchner, seinen zwei Jahre jüngeren Kommilitonen der Medizin, persönlich kennenlernte, ist nicht bekannt. Aufgrund seiner Teilnahme an Putschversuchen wie dem Wachensturm im April 1833 musste er noch im gleichen Monat nach Straßburg fliehen. Daraufhin wurde er im Mai 1834 von der Gießener Universität ausgeschlossen. Rund zwei Monate später ging er nach Zürich, um dort sein Studium 1835 mit dem Doktortitel abzuschließen.

Wegen seiner politischen Aktivitäten in der Schweizer Sektion „Junges Deutschland“ wurde er 1836 für zwei Monate inhaftiert. Durch die österreichische Regierung wurde er dann im August ausgewiesen und reiste über Frankreich nach England. In London lebte Dieffenbach in prekären Verhältnissen und verdingte sich mit Gelegenheitsjobs. Er lehrte Deutsch als Privatlehrer, war Arzt sowie Prosektor im Guy’s Hospital.

Forschungen in Neuseeland

Mit seinen wissenschaftlichen Artikeln für die British „Annals of Medicine“ und anderen Organen wurde Dieffenbach in der britischen Fachwelt bekannt. Auch deshalb erhielt er von der New Zealand Company das Angebot, im Frühjahr 1839 eine Expedition zur Erforschung Neuseelands zu leiten. Dabei hatten sich zwei Forscher von der Royal Geographical Society, der Pathologe Thomas Hodgkin (1798-1866) und der Zoologe Richard Owen (1804-1892), mit denen Dieffenbach in engem Kontakt stand, für ihn eingesetzt. Ziel der Expedition war eine eventuelle britische Kolonisation.

Auf der HMS Tory legte Dieffenbach dann am 3. Mai 1839 in Southampton ab und traf am 16. August im Queen Charlotte Sund ein. Zwei Jahre lang bereiste er verschiedene Regionen des Landes und war der erste europäische Wissenschaftler, der in Neuseeland lebte und forschte. Sein Hauptinteresse galt der Flora und Fauna, einige seiner Sammlungen kamen später ins British Museum und in die Royal Botanic Gardens. Durch sein positives Interesse am Maori-Stamm erreichte er später auch die Ehrenmitgliedschaft der „Aboriginies‘ Protection Society“.

Rückreise nach London

Als Dieffenbach nach London zurückgekehrt war, veröffentlichte er im Jahr 1841 sein Buch „New Zealand and its Native Population“ sowie sein zweibändiges Werk „Travels in New Zealand“ im Jahr 1843. Im Januar 1843 wurde Dieffenbach Gründungsmitglied der Londoner Ethnological Society. Zudem lernte er unter anderen den Geologen Charles Lyell (1797-1875) sowie Charles Darwin (1809-1882) kennen und übersetzte einige ihrer Werke ins Deutsche. Dazu zählen beispielsweise Lyells „Zweite Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika“ im Jahr 1851 sowie Darwins Bericht „Naturwissenschaftlicher Reisen“ von 1839. Im Jahr 1852 übersetzte er außerdem Henry Thomas de la Beches „Vorschule der Geologie“.

Zurück in Deutschland

1843 reiste Ernst Dieffenbach zurück nach Deutschland. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit hatte er zunächst einige Schwierigkeiten, erhielt aber Unterstützung von Justus Liebig und Alexander von Humboldt. Liebig beauftragte ihn im Jahr 1845, die englischen und schottischen Landwirte mit seinem patentierten Mineraldünger bekannt zu machen. Dabei versuchte Dieffenbach diese Gelegenheit zu nutzen, um in London noch einmal eine Expedition nach Neuseeland zu erwirken. In diesem Land schien er sich am wohlsten gefühlt zu haben. Er blieb jedoch erfolglos, eine alternativ anbegotene Reise nach Südamerika lehnte er ab.

Wieder in Deutschland fertigte er weiterhin Übersetzungen von Darwin und de la Beche an und beteiligte sich an wissenschaftlichen Zeitschriften. Erst nach der deutschen Revolution von 1848 konnte er freier arbeiten. Er übernahm die Redaktion der liberalen Freien Hessischen Zeitung und wurde 1849 Privatdozent an der Universität in Gießen. Ob ihm ein Sitz im ersten deutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung, angeboten wurde, ist nicht belegt. 1850 nahm er eine außerordentliche Professor für Geologie an. Dieffenbach erkankte im Jahr 1855 an Typhus und verstarb am 1. Oktober desselben Jahres in Gießen.

Würdigungen

In seiner Heimatstadt Gießen ist Ernst Dieffenbach weithin unbekannt, seine Grabstelle konnte noch nicht identifiziert werden. Zumindest trägt die im Jahr 1840 von ihm katalogisierte, aber schon 1872 ausgestorbene Diefenbach-Ralle (Gallirallus dieffenbachii) seinen Namen. Im anglophonen Raum ist er von größerer Bekanntheit. Insbesondere in Neuseeland wird er heute noch sehr geschätzt. Dort erinnert auch der „Dieffenbach Point“ an ihn und seine Expedition ab August 1839.

Literatur

  • Ernst Dieffenbach: Briefe aus dem Straßburger und Zürcher Exil 1833-1836. Eine Flüchtlingskorrespondenz aus dem Umkreis Georg Büchners (Teil 1). Mitgeteilt von Peter Mesenhöller, in: Georg Büchner Jahrbuch 8 (1990-1994), Tübingen 1995, S. 371-443.
  • Ferdinand Dieffenbach: Der Erforscher Neu-Seelands. Ein deutsches Gelehrtenleben, in: Das Ausland, 47. Jg. (1874), S. 84-87.
  • Gerda Elizabeth Bell: Ernest Dieffenbach. Rebel and Humanist, Palmerston North 1976.
  • Gerda Elizabeth Bell: Ultima Thule: Ernst Dieffenbach, in: Kurt Schleucher (Hg.): Bis zu des Erdballs letztem Inselriff. Reisen und Missionen, Darmstadt 1975, S. 137-169.
  • Denis McLean: Dieffenbach, Johan Karl Ernst, in: Te Ara – the Encyclopedia of New Zealand.
  • Gerhard Bernbeck: „…und eingegraben steht am Firmament dein Name…”. Erinnerungen an den Gießener Arzt, Weltreisenden und Naturforscher Dr. Ernst Dieffenbach (1811-1855), in: Heimat im Bild, Heft 48-50, Dezember 1979.
  • Adelheid Rehbaum: Gießener unter dichtenden Kannibalen? in: Hessische Heimat, Nr. 25 vom 11. Dezember 2004, S. 97-100.
  • Thom Conroy: The Naturalist. A Novel, Auckland 2014.
  • Dirk van Laak: Im Schatten von Riesen: Johann Karl Ernst Dieffenbach (1811-1855), in: Stefan Gerber/Werner Greiling/Tobias Kaiser/Klaus Ries (Hg.): Zwischen Stadt, Staat und Nation. Bürgertum in Deutschland, Göttingen 2014, S. 223-236.
de/personen/entdecker_und_erforscher/ernst_dieffenbach.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)