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Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhaengigkeit

Die Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit existierte zwischen den Jahren 1927 und 1937. Auf ihren beiden Kongressen im Jahr 1927 in Brüssel und im Jahr 1929 in Frankfurt am Main versammelten sich bekannte Antikolonialisten aus allen Weltteilen. Die Konferenzen waren Ereignisse auf denen persönliche Beziehungen und antikoloniale Netzwerke entstanden, die oft viele Jahre Bestand hatten.

1 Die Konferenz von Brüssel 1927

Zu einem Zeitpunkt als die europäische Expansion das „universalhistorische Maximum“ (Osterhammel) ihrer Ausdehnung erreichte, nahm auch die Kooperationsbereitschaft von Antikolonialisten über geographische, politische und ideologische Grenzen hinweg zu. Der Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus in Brüssel im Jahr 1927 sowie die dort gegründete Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für nationale Unabhängigkeit (1927–1937) waren ein Ergebnis dieser „Globalisierung des antikolonialen Widerstands“. Zum Brüsseler Kongress waren 174 Delegierte aus allen Weltregionen erschienen, die 134 Organisationen und Bewegungen repräsentierten. Zudem unterstützten zahlreiche prominente Einzelpersonen wie Albert Einstein, Henry Barbusse oder Song Qingling die Liga. Schließlich war es den Konferenz-Organisatoren gelungen, Politiker, Intellektuelle und Mitglieder aus den drei wichtigsten antikolonialen Strömungen der Zwischenkriegszeit, dem sozialistisch-kommunistischen, dem liberal-humanitären und dem Lager der kolonialen Unabhängigkeitsbewegungen, von einer Teilnahme am Brüsseler Kongress zu überzeugen. Kommunisten, wie der langjährige Sekretär der LAI Willi Münzenberg und Mitglieder der Komintern, sahen in den kolonialen Befreiungsbewegungen potentielle Verbündete im Kampf gegen die kapitalistischen Kolonialmächte und versuchten, diese für ihre Ziele zu gewinnen. Linke Sozialdemokraten wie George Lansbury, der zweite Vorsitzende der englischen Labour Party, Edo Fimmen oder Fenner Brockway lehnten die Kolonialherrschaft ebenfalls ab und konkurrierten mit den Kommunisten um Einfluss in den Kolonien. Sie wollten verhindern, dass in der antikolonialen Bewegung der Eindruck entstehe, nur Kommunisten würden sich für ihre Interessen und Ziele einsetzen und zugleich versuchten sie, die Mitglieder der zunehmend stärker werdenden antikolonialen Bewegung frühzeitig von sozialistischen Idealen zu überzeugen. Auch Intellektuelle wie der französische Nobelpreisträger Romain Rolland, welche die Kolonialherrschaft aus liberalen und humanitären Gründen ablehnten, befürworteten den Kongress. Schließlich erschienen zahlreiche Delegierte von antikolonialen Bewegungen aus den Kolonien. Aus dem weniger stark vertretenen südlichen Afrika waren unter anderem Josiah Tshangana Gumede als Vertreter des African National Congress (ANC), der südafrikanische Gewerkschaftler Daniel Colraine und der Kommunist James La Guma angereist. Es kamen der argentinische Schriftsteller Manuel Ugarte, Richard B. Moore als Delegierter der Universal Negro Improvement Association, der Mitbegründer der algerischen Étoile Nord-Africaine Messali Hadj-Ahmed, Lamine Senghor und Mohammed Hafiz Bey als Abgesandter der ägyptischen Nationalpartei. Knapp 30 (Exil-)Chinesen vertraten chinesische Organisationen. Jawaharlal Nehru war einer von sieben Indern und repräsentierte den Indian National Congress (INC), der erstmals an einem Kongress außerhalb Indiens teilnahm. Mohammad Hatta, der spätere Vizepräsident und Außenminister Indonesiens sprach im Namen der indonesischen Nationalbewegung Perhimpunan Indonesia. Zu dieser Zeit noch weniger bekannt war der Teilnehmer Nguyen Ai Quoc, der später unter dem Namen Ho Chi Minh Regierungschef von Vietnam wurde. Sie alle wollten ihre politischen Forderungen einer größeren Öffentlichkeit kundtun, neue Bündnispartner für ihre politischen Ziele gewinnen und ein Gegengewicht zum Völkerbund und zu den Kolonialmächten schaffen. In Brüssel gründeten die Konferenzteilnehmer daher nicht nur die Liga als antikoloniale Organisation, sondern sie organisierten in den folgenden Monaten und Jahren auch Pressekampagnen, Demonstrationen und Ausstellungen in verschiedenen Ländern, in denen sie die europäische Kolonialherrschaft kritisierten. Die LAI stellte für einige Jahre eine wichtige Anlaufstelle für antikoloniale Bewegungen aus der ganzen Welt dar und trug zu deren Vernetzung bei. Im Anschluss an den Brüsseler Kongress gründete die Liga Sektionen in verschiedenen Ländern und Bewegungen aus der ganzen Welt schlossen sich ihr an.

2 Die Konferenz in Frankfurt am Main 1929

Der Zweite Weltkongress der Liga gegen Imperialismus fand vom 20. bis 31. Juli 1929 in Frankfurt am Main statt. Organisiert wurde das Treffen u.a. von den Kommunisten Karl August Wittfogel, Werner Jantschke und Robin Page Arnot. Schließlich waren nach offziellen Angaben 124 Organisationen und 11 Ligasektionen aus 33 Ländern vertreten. Insgesamt nahmen 257 stimmberechtigte Mitglieder der Liga an dem Kongress teil, weitere 2-3000 Gäste sollen anwesend gewesen sein. Diese offiziellen Zahlen sind schwer zu überprüfen und tendenziell zu hoch angesetzt. Trotzdem belegen sie in überzeugender Weise, dass sich im Juli 1929 Antikolonialisten aus verschiedenen Weltteilen zu einem Kongress in Frankfurt trafen. Unter den Teilnehmern waren u.a. der spätere indonesische Außenminister Mohammed Hatta, George Padmore, James W. Ford, Sen Katayama, Garan, Tiemoko Kouyaté, Hansin Liau, Huang Ping, Shapurji Saklatvala und der spätere erste Präsident Kenias Jomo Kenyatta. Anders als noch während der Brüsseler Konferenz ordente sich die überwiegende Mehrheit der Konferenzteilnehmer dem kommunistischen Lager zu, was den Konferenzverlauf prägen sollte.

Eröffnet wurde die Konferenz mit einer Festveranstaltung im Hippodrom. Dabei überreichten Soldaten des Generals Sandino dem Kongress feierlich eine eroberte blutige US-amerikanische Flagge. Fortgesetzt wurde das Treffen im Zoologischen Garten. Weitere informelle Treffen fanden den Erinnerungen von Babette Gross zufolge abends im Restaurant „Heyland am Römerberg“ statt.

3 Die letzten Jahre der Liga

Nach dem Frankfurter Kongress setzte der rasche Zerfall der Liga ein. Technische und finanzielle Probleme sowie die Eigeninteressen der einzelnen Mitglieder nahmen den Konferenzen und der Liga viel von ihrer Effektivität. Bereits wenige Monate nach Gründung der Liga hatten sich die Kommunisten, Sozialdemokraten und Vertreter antikolonialer Bewegungen aus den Kolonien bereits heftig über den zukünftigen Kurs und die Politik der LAI zerstritten. Die gemeinsame Ablehnung des Völkerbunds und eines unpräzise definierten Imperialismus konnten die Divergenzen zwischen den Mitgliedern nicht mehr überbrücken, als jede Gruppierung das Netzwerk der Liga und die übrigen Mitglieder für die eigenen Interessen instrumentalisieren wollte. Zusätzlich zu diesen internen Problemen reagierten die Niederlande und Frankreich direkt auf den Brüsseler Kongress, indem sie einzelne Teilnehmer des Brüsseler Kongresses wie Mohammad Hatta oder Lamine Senghor verhafteten. Gleichzeitig verboten sie mit der Liga sympathisierende Zeitschriften und schränkten dadurch deren Publikations­möglichkeiten ein. Zwei Jahre später verboten die Nationalsozialisten die Liga und es kam zur Schließung ihres internationalen Sekretariats in Berlin. Ebenso schwer wog, dass mit Willi Münzenberg der langjährige Organisator des Sekretariats am 9. September 1933 aus der Liga austrat. Die verbliebenen Mitglieder des Sekretariats flohen über Paris nach London, wo sie im Herbst 1933 die Leitung an Reginald Bridgeman übergaben. Dieser notierte Anfang 1935, dass seit der Flucht des internationalen Sekretariats aus Berlin keine internationalen Aktionen mehr durchgeführt worden seien und die Liga im Prinzip nur noch formal auf dem Papier bestehe. Der angestrebte Wiederaufbau gelang Bridgeman nicht. Über die Tätigkeiten der englischen Sektion, die bis ins Jahr 1937 existierte, ehe sie sich am 11. Mai 1937 offiziell auflöste und ihr vorhandenes Material an die Aborigines Rights Protection Society übergab, ist außer der Publikation einzelner Broschüren wenig bekannt.

Literatur

  • Dinkel, Jürgen: Globalisierung des Widerstands:. Antikoloniale Konferenzen und die „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ 1927-1937, in: Kukel, Sönke, Meyer, Christoph (Hg): Aufbruch ins postkoloniale Zeitalter. Globalisierung und die außereuropäische Welt in den 1920er und 1930er Jahren, Frankfurt am Main 2012, S. 209-230.
  • Sorokin, G.Z.: Antiimperialističeskaja Liga 1927-1935, Moskau 1956.
  • Jones, J.: The League against Imperialism, London 1996.
  • Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit (Hrsg.): Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. Offizielles Protokoll des Kongresses gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus Brüssel, 10.-15. Februar 1927, Berlin 1927.
  • Petersson, Frederik: ‘Hub of the Anti-Imperialist Movement‘, Interventions: International Journal of Postcolonial Studies, 2013, 1–23.
  • Piazza, H. (Hg.): Die Liga gegen Imperialismus und für Nationale Unabhängigkeit 1927-1937. Zur Geschichte u. Aktualität e. wenig bekannten antikolonialen Weltorganisation; Protokoll e. wiss. Konferenz am 9. u. 10. Febr. 1987 an d. Karl-Marx-Univ. Leipzig, Leipzig 1987.
  • Prashad, Vijay: The Darker Nations. A People's History of the Third World, New York 2007.
de/kolonialkritische_akteure_und_akteurinnen/liga_gegen_imperialismus_und_fuer_nationale_unabhaengigkeit.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)