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Kolonialkritische Akteurinnen und Akteure

Kolonialkritik und antikolonialer Protest in Hessen

Von Anfang an rief die europäische koloniale Expansion Kritik hervor. Sie reichte von Reformvorschlägen an der kolonialen Praxis über punktuelle Protestaktionen bis hin zum organisierten militärischen Widerstand. Geäußert wurde die Kritik in allen gesellschaftlichen Lagern und Schichten. Das Spektrum der Kolonialkritiker reichte von christlichen Pfarrern und Missionaren, über liberale Merkantilisten und Humanisten, Literaten und Journalisten, bis hin zu sozialistischen Aktivisten und aktiven Kämpfern aus den Kolonien selbst. Die von diesen Personen vorgetragene Kritik war unterschiedlich begründet und zielte auf unterschiedliche Formen kolonialer Herrschaft. Antikolonialismus und Kolonialkritik waren ebenso wie die europäische Expansion ein globales Phänomen und direkt mit dieser verbunden. Genauso wie die koloniale Expansion nahm die Kritik an dieser zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen unterschiedliche Formen an. Auch die Resonanz, auf welche kritische Äußerungen stießen, variierte. Lassen sich für mache Zeiträume lediglich einzelne Kritiker ausmachen, finden sich für andere deutliche mehr kolonialkritische Aktivisten und sogar Organisationen, welche sich gegen jegliche Form kolonialer Herrschaft engagierten und vernetzten (Stuchtey 2010). Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden versucht, die Globalgeschichte der Kolonialkritik punktuell mit der Regionalgeschichte Hessens zu verbinden. Dabei sollen die Fragen beantwortet werden, wann und in welchen Formen sich Kritik an kolonialen Herrschaftsformen in Hessen manifestiert hat und welche Spuren kolonialkritische Akteure in Hessen hinterlassen haben.

1. Frühe Kolonialkritik

Schon die ersten kolonialen Eroberungen, vor allem die spanische Eroberung Südamerikas, riefen Kritik hervor. Bereits im 16. Jahrhundert kritisierten die beiden Dominikaner Antonio de Montesino und vielleicht noch bedeutender Bartholomé de las Casas das Vorgehen der spanischen Soldaten. In öffentlichen Predigten und zahlreichen Flugblättern und Schriften beschrieben sie detailliert das gewaltsame Vorgehen gegen die indigene Bevölkerung, die brutale Praxis der Sklaverei und den Verstoß gegen für sie zentrale Grundsätze des katholischen Glaubens. Diese Vorwürfe wurden in Spanien und darüber hinaus breit rezipiert und kurzzeitig sah der spanische König Karl V. sogar von weiteren kolonialen Eroberungen ab. Langfristig begann zu dieser Zeit jedoch erst die europäische Expansion die immer weitere Teile der Welt erfasste. Es dauerte allerdings bis ins 18. Jahrhundert, ehe sich die Kritik an der Expansion wieder an verschiedenen Orten der Welt verdichtete. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, die Aufstände in Haiti zwischen 1791 und 1804 und weitere Unabhängigkeitskämpfe in Lateinamerika um Simón Bolivár (1783-1830), die zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Ende der europäischen Herrschaft über Südamerika einleiteten. Inspiriert wurden die Aufständischen unter anderem von den Werten der Aufklärung und der Französischen Revolution mit ihren universellen Forderungen nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Gerade die Unterdrückung und Ungleichbehandlung der Kolonisierten durch die Kolonisatoren widersprach jedoch diesen universellen Ansichten und rief in Europa Kritik hervor. Neben Charles de Montesquieu sprach sich mit Christian Wolff einer der wichtigsten deutschen Philosophen der Aufklärung, der zwischen 1723 und 1740 an der Universität Marburg lehrte, gegen koloniale Herrschaftsformen aus. Seinen Vorstellungen zufolge sollten sich Staaten nach „Vernuftgesetzen“ organisieren und die Werte von Freiheit, Gleichheit und Souveränität unbedingt anerkennen. Koloniale Expansion widerspreche jedoch diesen Werten, so Wolff, und lasse sich auch mit der Pflicht zur Missionierung oder Zivilisierung nicht rechtfertigen. Die koloniale Expansion widerspreche der naturrechtlichen Vorstellung von der Freiheit und Gleichheit aller Völker.

2. Kolonialkritik im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert äußerten neben Politikern wie Ludwig Bamberger auch eine ganze Reihe von Literaten kritisch über die europäische Expansion. Eines der bekanntesten Werke stammt von Joseph Conrad, der mit seinem Buch „Herz der Finsternis“ (1898) die brutale Gewalt im Freistaat Kongo anprangerte. Ein anderes, in Deutschland weniger bekanntes Werk ist der Roman „Max Havelaar“ des Niederländers Eduard Douwes Dekker ("Multatuli"). Große Aufmerksamkeit erregte auch „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“ von Hans Paasche . Gegen den brutalen Krieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach sich unter anderem Philipp Horbach, Pfarrer in Marburg, aus.

3. Kolonialkritik in der Zwischenkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einer Globalisierung antikolonialer Proteste. Politische Führer aus Lateinamerika, Afrika und Asien begannen sich ebenso wie Kommunisten, Sozialisten, Liberale und Humanisten aus Europa um eine Vernetzung und Koordination verschiedener antikolonialer Bewegungen zu bemühen. Nicht zufällig fanden in den 1920er-Jahren eine ganze Reihe von antikolonialen und kolonialkritischen Kongressen statt. Erinnert sei an die panafrikanischen Kongresse in Brüssel, Paris, London, Lissabon und New York sowie die panasiatischen Treffen in Nagasaki (1926) und Shanghai (1927).[2] Weniger bekannt sind die zeitgleich stattfindenen kolonialkritischen Treffen und Kongresse in Hessen. Doch auch hier kritisierten einzelne Personen wie der Journalist Alfons Paquet, die Kommunisten Karl August Wittfogel, Werner Jantschke und Robin Page Arnot sowie der Wissenschaftler Wolfgang Abendroth die andauernde europäische Kolonialherrschaft und engagierten sich für eine Vernetzung kolonialkritischer Akteure. Ergebnis ihrer Bemühungen sowie der zeitgenössischen Vernetzungsprozesse waren der Weltjugendtag auf der Burg Ludwigstein im Jahr 1929 und der nur wenige Wochen später stattfindenden Zweite Weltkongress der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit in Frankfurt am Main.

4. Kolonial- und Imperialismuskritik seit 1945

Die Kritik an der europäischen Kolonialherrschaft und die Solidarität mit den Ländern der „Dritten Welt“ hielt in Hessen auch nach dem Zweiten Weltkrieg an. Nicht zuletzt durch die Dekolonisierung veränderte sie sich jedoch und nahm neue Formen an. Im Folgenden finden sich einzelne Initiativen aufgelistet, die zum Teil bis in die Gegenwart bestehen.

Literatur

  • Jürgen Dinkel: Globalisierung des Widerstands: Antikoloniale Konferenzen und die „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“ 1927-1937, in: Sönke Kunkel/Christoph Meyer (Hg.): Aufbruch ins postkoloniale Zeitalter. Globalisierung und die außereuropäische Welt in den 1920er und 1930er Jahren, Frankfurt/New York 2012, S. 209-230. * Oliver M. Piecha: Wie der Antiimperialismus unter die deutsche Jugend kam. Der Plan für einen Weltbund der Jugend in der Weimarer Republik, in: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung, Heft 2/2005, S. 29-147.
  • Benedikt Stuchtey: Die europäische Expansion und ihre Feinde. Kolonialismuskritik vom 18. bis in das 20. Jahrhundert, München 2010. Robert J.C. Young: Postcolonialism. An Historical Introduction, Oxford 2009.
de/kolonialkritische_akteure_und_akteurinnen/kolonialkritische_akteure_und_akteurinnen.txt · Zuletzt geändert: 2015/10/07 10:46 von jdinkel