Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


de:koloniale_repraesentationen:hessen_und_die_welt

Hessen und die Welt

Hessische Auswanderung in die USA

War im 18. Jahrhundert Russland das bevorzugte Ziel hessischer Auswanderer gewesen, wurde es im 19. Jahrhundert (neben Brasilien) vor allem die USA. Die Motive waren ähnlich: wirtschaftliche Not und religiöse Unduldsamkeit in den Ausgangsgebieten, aber auch Experimentierfreude und Abenteuerlust. Gezielte Anwerbung spielte weiterhin eine wichtige Rolle, doch wurde die Auswanderung nun oft über spezielle Vereine längerfristig vorbereitet. Siehe auch: Inspirierte, Prinz Carl zu Solms-Braunfels, Gießener Auswanderungsgesellschaft, Bettina/Texas.

Auswanderer nach Bettina/Texas

Die nach der Schriftstellerin Bettina von Arnim benannte Siedlung am Llano River in Texas wurde 1847 von kommunistisch orientierten Intellektuellen aus Darmstadt, Gießen und Heidelberg auf Anregung des Mainzer Adelsvereins gegründet, existierte jedoch aufgrund von internen Spannungen nur wenige Monate. Der Ort wurde danach zur Geisterstadt. Siehe auch Hessische Auswanderung in die USA.

Auswanderer in Belowescher Kolonien

Die Belowescher Kolonien in der Ukraine wurden 1767 auf Initiative Zarin Katharina der Großen von ca. 85 Auswandererfamilien aus Hessen gegründet. Sie bestanden bis 1945.

Hanauisch-Indien

Mit „Hanauisch-Indien“ wird ein 1669 von Graf Friedrich Casimir von Hanau erworbener Landstrich in Guyana an der karibischen Küste Südamerikas bezeichnet.

New Braunfels

Eine von Prinz Carl zu Solms-Braunfels im Jahr 1845 in Texas gegründete Stadt.

Entwicklungshilfe in Afrika

Postkoloniale „Entwicklungshilfe“ wird in der Regel nicht auf Länderebene geleistet. In den frühen 1960er Jahren kam es jedoch, wie „Der Spiegel“ berichtete, durch eine Verkettung von Umständen - Hessen hatte sich einige Male in Bezug auf Förderzusagen in afrikanischen Ländern als recht großzügig erwiesen - zu einer verstärkten Nachfrage nach hessischen Hilfsprojekten, unter anderem durch Ghana, Dahomey, Tanganjika, Obervolta und Niger. Sie ließen den Etat für Entwicklungshilfe von DM 100.000 im Jahr 1960 auf DM 4,45 Mio. im Jahr 1964 anschwachsen.[1]

Kolonialisierung Ostdeutschlands

Mit der „Kolonialisierung“ Ostdeutschlands ist die nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung vollzogene Angleichungsprozess zwischen der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR in den frühen 1990er Jahren bisweilen kritisch eingeordnet worden. Dabei wurde auch von einer „strukturellen Kolonialisierung“ (Fritz Vilmar) gesprochen, die sich unter anderem auf Jürgen Habermas' Begriff der „Kolonialisierung von Lebenswelten“ bezog.[2] Eine Umfrage des Allensbacher Instituts zufolge empfand dies um 1991 die Mehrheit der Ostdeutschen tatsächlich so.[3] Begriffe wie „Buschzulage“ (für Gehaltsaufschläge, die den ca. 35.000 Aufbauhelfern für eine Tätigkeit in infrastrukturell „zurückgebliebenen“ Regionen teilweise gezahlt wurden) unterstrichen diese kolonialen Analogien - ob sie sinnvoll sind und inwieweit sie zutreffen, soll hier nicht beurteilt werden. Hessen, das schon im November 1989 ein „Aktionsprogramm Hessen-Thüringen“ verabschiedet hatte, leistete insbesondere in den Bereichen der Justiz, der Verwaltung, des Gesundheits- und Verkehrssystems Aufbauhilfe.

Literatur

  • Fritz Wolff: „Schlauraffenland am Orinoko“. Die karibische Affäre des Grafen Friedrich Kasimir von Hanau, in: Martin Maria Schwarz/Ulrich Sonnenschein (Hg.): Hessen vergessen. Orte ohne Erinnerung, Marburg 2003, S. 81-85.
  • Adelheid Rehbaum: Von Abenteurern und Einwanderern. Hans Staden (um 1525-1576) und Graf Friedrich Kasimirs Kolonie „Hanauisch Indien“ (1669), in: Hessiche Heimat. Aus Natur und Geschichte, Heft 4/2008, S. 13-16.
  • Rolf Tessner: Casimir und seine Kolonie in Westindien. Der Graf liess die erste Hanauer Münzstaette für ein Kirche abreissen. Vier Dukaten und ebenso viele Taler, der Tabakanbau wird gefoerdert, in: Hanauer Anzeiger, Bd. 266 (1991), Nr. 7 vom 9. Januar 1991, S. 6.
  • Ferdinand Hahnzog: Hanauisch-Indien einst und jetzt, Hanau 1959.
  • Peter Assion (Hg.): Von Hessen in die neue Welt. Eine Sozial- und Kulturgeschichte der hessischen Amerikaauswanderung mit Text- und Bilddokumenten, Frankfurt/Main 1987.
  • Peter Assion (Hg.): Über Hamburg nach Amerika. Hessische Auswandernde in den Hamburger Schiffslisten 1855 bis 1866. Eine Studie des Instituts für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an der Universität Marburg, Marburg 1991.
  • Inge Auerbach: Auswanderung aus Kurhessen. Nach Osten oder Westen? Marburg 1993 (Schriften des Hessischen Staatsarchivs Marburg, 10).
  • Ursula Dittrich: Die Hamburger Passagierlisten als Quelle für die hessische Amerika-Auswanderung, in: Hessische Blätter für Volkskunde N.F. 17 (1985), S. 221-229.
  • Hans Herder (Hg.): Hessisches Auswandererbuch. Berichte, Chroniken und Dokumente zur Geschichte hessischer Einwanderer in die Vereinigten Staaten 1683-1983. 2. Auflage Frankfurt/Main 1984.
  • Alice M. Hirsch: Das Recht, nach dem Glück zu suchen. Spuren eines hessischen Auswanderers aus dem Richelsdorfer Gebirge in Amerika 1838-1885, in: Rund um den Alheimer, Bd. 11 (1989), S. 6-31.
  • Brunhilde Miehe: Aufbruch ins gelobte Land - Martin Heß, ein Auswanderer aus Mühlbach, in: Mein Heimatland, Bd. 34 (1991), S. 129-131.
  • Hans Richter: Hessen und die Auswanderung 1815-1855. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins N.F. 32 (1934), S. 49-139.
  • Hans Richter: Texasauswanderung aus Rheinhessen, in: Volk und Scholle, Bd. 7 (1929), S. 346-349.
  • Helmut Schmahl: Verpflanzt, aber nicht entwurzelt: Die Auswanderung aus Hessen-Darmstadt (Provinz Rheinhessen) nach Wisconsin im 19. Jahrhundert. Frankfurt/Main u.a. 2000 (Mainzer Studien zur Neueren Geschichte, 1).
  • Winfried Schüler (Bearb.): Von Nassau nach Amerika: Auswandererschicksale aus drei Jahrhunderten. Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden 29. Oktober 1992 bis 30. April 1993. Dokumentation zur Ausstellung, Wiesbaden 1992.
  • Wolf-Heino Struck: Die Auswanderung aus dem Herzogtum Nassau (1806-1866), Wiesbaden 1966 (Geschichtliche Landeskunde, 4).
  • Hartmut Heinemann: „Wo der Stern im blauen Felde eine neue Welt verkündet.“ Die Auswanderung der Vierziger aus Darmstadt nach Texas in Jahr 1847 und ihre kommunistische Kolonie Bettina, in: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde, N.F. Heft 52 (1994), S. 283-352.
  • Louis Reinhardt: The Communistic Colony of Bettina, in: Quarterly of the Texas State Historical Association, Band 3, 1899, S. 33-40.
  • Philipp Schütz: Der Ruf der Zarin. Ein Beitrag zur Auswanderung hessischer Familien nach Rußland, Marburg 1989.
  • Peter Christ/Ralf Neubauer: Kolonie im eigenen Land. Die Treuhand, Bonn und die Wirt­schafts­katastrophe der fünf Bundesländer, Berlin 1991.
  • Wolfgang Dümcke/Fritz Vilmar (Hg.): Kolonialisierung der DDR. 3. Aufl. Münster 1996.
  • Dagmar Schipanski/Norbert Kartmann (Hg.): Hessen und Thüringen - Umbruch und Neuanfang 1989/90, Frankfurt/Main 2007.
  • Karin Brandes: Hessen und Thüringen - Wege zur Partnerschaft. Das Aktionsprogramm 1989 bis 1994, hg. von Dagmar Schipanski/Norbert Kartmann, Frankfurt/Main 2009.
  • Joachim Linck: Wie ein Landtag laufen lernte. Erinnerungen eines westdeutschen Aufbauhelfers in Thüringen, Köln u.a. 2010.
  • Reisende Sommer-Republik/Stadtarchiv Gießen (Hg.): Utopia - Aufbruch in die Utopie. Auf den Spuren einer deutschen Republik in den USA, Bremen 2013.
  • Rita Rohrbach: Bleiben oder gehen. Die Gießener Auswanderergesellschaft. Ein Schülerheft für die Sekundarstufe, Gießen 2013.
  • [1] Hessen: Immer neue Kunden, in: Der Spiegel, Heft 39/1964, S. 81.
  • [2] http://fritzvilmar.de/texte/Kolonialisierung_Begriff.html (eingesehen am 6. Dezember 2014).
  • [3] Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1984–92, Allensbach 1993, S. 478.
de/koloniale_repraesentationen/hessen_und_die_welt.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/05 10:00 (Externe Bearbeitung)