In Memoriam: Horst Hagedorn (1933 – 2018) – Nachruf von Roland Baumhauer

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Am 11. Mai 2018 verstarb Prof. em. Dr. Dr. h.c. Horst Hagedorn, Professor für Geographie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Horst Hagedorn, geboren am 29. Oktober 1933 in Blomberg/Lippe, studierte von 1954 bis 1959 in Göttingen Geographie, Mathematik, Physik, Geologie und Ethnologie. Nach der Promotion 1960 ebenfalls in Göttingen wurde er zunächst Assistent, dann Oberassistent am II. Geographischen Institut der FU Berlin. Gleichzeitig mit der Tätigkeit in Berlin beginnen für ihn die, nicht ganz ein Jahrzehnt umfassenden geomorphologischen Untersuchungen im Tibesti-Gebirge. Sie gehen zunächst mit dem Aufbau der Forschungsstation der Freien Universität Berlin in Bardai einher und münden schließlich in der Habilitationsschrift „Untersuchungen über Relieftypen arider Räume an Beispielen aus dem Tibesti-Gebirge und seiner Umgebung“. Nach der 1969 an der FU in Berlin erfolgten Habilitation und dem Wechsel von Berlin nach Würzburg 1971, unterbrochen von einem kurzen Intermezzo 1970 an der RWTH in Aachen, hat Horst Hagedorn der physisch-geographischen/geomorphologischen Trockengebietsforschung, neben Arbeiten in Iran insbesondere in Nord- und Westafrika in den rund vier Jahrzehnten seines Wirkens ein international bekanntes und anerkanntes Profil gegeben.

Numerische Angaben sind zwar wenig geeignet, ein wissenschaftliches Werk fassbar zu machen, doch geben sie in diesem Fall zumindest Einblick in die innere Geschlossenheit und gleichzeitige Vielfalt der Forschungstätigkeit von Horst Hagedorn: von insgesamt mehreren hundert Veröffentlichungen beschäftigen sich allein mehr als 80 Publikationen mit diesem Themenbereich. Das gesamte Spektrum der Themenbeiträge reicht von der Geomorphologie, der Umwelt- und Klimaentwicklung über die aktuelle Geomorphodynamik bis hin zu siedlungsgeographischen Fragen und Problemen der Grundwassernutzung. Trotz der herausragenden Trockengebietsforschung hat sich das eigene, breit gefächerte Spektrum der Interessen und Arbeitsfelder von Horst Hagedorn auch in den vielfältigen Arbeiten und Wirkungskreisen seiner Schüler niedergeschlagen. Dabei ist es ihm stets gelungen, fachliche Anleitung und Betreuung in einer einzigartigen Art und Weise mit wissenschaftlicher Freiheit zu verknüpfen. Ein ganz charakteristischer Wesenszug lag in seiner a priori skeptisch abwägenden Haltung gegenüber den sich allzu rasch ändernden Strömungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes – nicht nur in der Geographie. Diese Fähigkeit Neuerungen von Modetrends zu unterscheiden und die darauf basierende Grundhaltung bedeutete aber in keinem Fall mangelnde Flexibilität oder gar unreflektierte Verharrung. Horst Hagedorn stand neuen Arbeitstechniken oder Methoden stets ebenso aufgeschlossen gegenüber wie unterschiedlichen oder sich wandelnden Wissenschaftstheorien. Doch die Bewertung des Neuen erwuchs bei ihm immer aus den Wurzeln des Vorhandenen, d.h. Bestehendes wurde zunächst überprüft, Bewährtes erhalten und in Innovationen eingebaut.

Die ausgeprägte Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln kam in der Tätigkeit Horst Hagedorns in der Wissenschafts- und Hochschulpolitik zum Ausdruck. Er war durch seine fachliche Kompetenz und durch seine Persönlichkeit ein gefragter Diskussionspartner in Gremien, Ausschüssen und Kommissionen weit über sein Fachgebiet hinaus, so beispielsweise als Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte beim Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, als Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte „Erdbeobachtung“ und „Global Change“ beim BMBF/BMFT, als Vertreter der Deutschen Forschungsgemeinschaft in der Deutschen UNESCO-Kommission, als Mitglied der Senatskommission für geowissenschaftliche Gemeinschaftsforschung und als Mitglied von Senat und Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder als Mitglied des Panels „Umweltfragen“ der Scientific Affairs Division der NATO in Brüssel. Nicht nur im Rahmen dieser teilweise langjährigen Tätigkeiten, sondern auch in seinen Funktionen als erster Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Hochschullehrer der Geographie und zugleich erster Vorsitzender des Zentralverbandes der Deutschen Geographen von 1979-1981, als Präsident der DEUQUA von 1990-1996, als Vizepräsident der INQUA von 1991 – 1995 oder als Vorsitzender der Studienreformkommission Geographie bei der KMK und als Mitbegründer des Arbeitskreises Geomorphologie, um auch hier wieder nur einige zu nennen, hat Horst Hagedorn wie kaum ein anderer Geograph das Profil des Faches nach innen und außen entscheidend mitgeprägt.

Horst Hagedorn hat weit über sein eigenes Fachgebiet hinaus öffentlich Stellung bezogen. So hat er immer wieder auf die strukturellen Probleme der Universitäten hingewiesen und darauf, dass die Universitäten auf die neuen Herausforderungen selbst eine Antwort finden müssen – dass aber die Universitäten dieses tun müssen ohne dabei Unverzichtbares aufzugeben. Diese Aufrechterhaltung des Spannungsfeldes zwischen zweckfreier Grundlagenforschung und angewandter Forschung hat Horst Hagedorn auch in seinen eigenen Forschungen immer vorgelebt. Ihm ist immer bewusst gewesen, dass der Verzicht auf angewandte Forschung schnell in den Elfenbeinturm führen kann, der Verzicht auf die Grundlagenforschung jedoch langfristig den Verlust der Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft bedeutet. Mit seiner Aufforderung, dass es manchmal gut ist, einen Blick zurück zu werfen und sich daran zu erinnern, dass die Diskussion um das Selbstverständnis der Universitäten und damit natürlich auch des eigenen Faches so neu nicht ist und dass man aus den Erfahrungen der Vergangenheit vieles lernen kann, wollte er nicht die Prinzipien der Humboldt‘schen Universität restaurieren. Vielmehr kam es ihm stets darauf an, die auch heute im Kern noch wichtigen und richtigen Prinzipien zu erhalten und sie auch gegebenenfalls zu aktualisieren. In seiner Forderung nach Präzision und wissenschaftlicher Redlichkeit ist er immer unbeugsam gewesen und er besaß nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Mut, Elementares zu lehren. Die geographische Grundforderung, vor der Interpretation fragend zu beobachten und wertend zu beschreiben lebte er stets pragmatisch vor.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass seine Verdienste vielfach gewürdigt wurden. So war er Träger der Albrecht-Penck-Medaille der Deutschen Quartärvereinigung, der goldenen Ferdinand von Richthofen-Medaille des von ihm mitgegründeten Arbeitskreises Geomorphologie und der Medaille „Bene Merenti“ in Gold der Universität Würzburg, und er erhielt die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität Berlin, den Bayerischen Verdienstorden, das Verdienstkreuz am Bande sowie das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Die deutsche Geographie hat mit Horst Hagedorn einen brillanten Geist und herausragenden Wissenschaftler verloren, die Universität und das Institut einen hochangesehenen Kollegen. Wir werden Horst Hagedorn, der nicht nur ein hochgeschätzter Lehrer und Förderer war, sondern ein liebenswerter Mensch, vermissen.

Roland Baumhauer, Würzburg